Grundgrößen des Spracherwerbs, notwendige Bedingungen
Sprachverarbeiter/ Sprachlernvermögen
Zugang/ Input/ Interaktionssituation
Antrieb/ Motivation
Grundgrößen des Spracherwerbs, beobachtbare Größen
Geschwindigkeit
Verlauf
Endzustand
Unterteilung Sprachverarbeiter
biologische Gegebenheiten
Vorwissen
biologische Gegebenheiten
Zentrale Organe → Teile des zentralen Nervensystems, die für die Steuerung von Wahrnehmung, Gedächtnis und Kognition verantwortlich sind
Periphere Organe → Artikulationsapparat (vom Kehlkopf bis zu den Lippen) → gesamter Gehörtrakt
biologische Gegebenheiten = angeboren
Vorwissen bei L1- Erwerb
→ Universalgrammatik? (z.B. Chomsky)
→ interaktionistische Ansätze (z.B. Tomasello): Annahme einer UG nicht notwendig, Spracherwerb kann durch allgemeine Lernprozesse und die Entwicklung sozialer und kognitiver Fähigkeiten erklärt werden
Vorwissen bei L2- Erwerb
→ Universalgrammtik??
→ L1-Wissen, ggf. L2-Wissen in anderen Sprachen, Wissen über L1 beeinflusst weiteren Spracherwerb
→ Metawissen, d.h. Wissen über die L1 oder L2
→ Welt- und Faktenwissen, Umgang mit Sprache, Kommunikation
Zugang
Sprachlicher Input
→ physikalisch gesehen: Schallstrom, der ans Ohr trifft
→ muss segmentiert und interpretiert werden (Laute, Wörter, Sätze, Bedeutungen)
+ Kontextinformationen
→ Sprechsituation
→ Gesten, Reaktionen, Handlungen, sprich: Interaktion!
Antrieb/ Motivation
Soziale Integration / Erwerb einer sozialen Identität
→ zentraler Antriebsfaktor im ESE
→ bedeutsam im kindlichen ZSE
→ Rolle im ZSE Erwachsener?
Kommunikative Bedürfnisse / Wunsch nach Verständigung
→ zentral im ESE und ZSE
→ aber: keine perfekte Sprachbeherrschung notwendig
Einstellungen und Ziele
→ emotionale Haltung zur L2-Sprachgemeinschaft
→ persönliche / berufliche Ziele
Bildung
→ Sprache als Bildungsgut (z.B. Latein, klassisches Arabisch)
Geschwindigkeit
→ Erwerbsprozess insgesamt
→ unterschiedliche sprachliche Teilbereiche (z.B. Lexikon, Grammatik)
Verlauf
→ Reihenfolge, in der sprachliches Wissen / konkrete Strukturen erworben werden
→ Reanalyse und Reorganisation bereits vorhandenen sprachlichen Wissens
Endzustand
→ Zeitpunkt, an dem im Sprachwissen und im sprachlichen Verhalten keine nennenswerte Fortschritte mehr stattfinden
→ meist an Grammatikkompetenz gemessen
→ meist am sprachlichen Verhalten monolingualer / muttersprachlicher erwachsener Sprecher gemessen
Einflussfaktor Alter
auf Sprachverarbeiter und Antrieb
Annahme einer „Kritischen Periode“ für den Spracherwerb
Die „Critical Period Hypothesis“ (CPH)
Annahme: genetisch angelegtes neuronales Reifeprogramm
Reifeprogramm = Lateralisation des Gehirns
Gehirn verliert Durchlässigkeit und Formbarkeit und damit auch die Fähigkeit zur Reorganisation sprachlichen Wissens
sprachliche Informationen können ungesteuert nicht mehr mit der gleichen Effektivität verarbeitet werden wie vor dem Reifeprozess
Pubertät als Grenze für erfolgreichen Spracherwerb; muttersprachliche Kompetenz in der L2 kann danach nicht mehr erreicht werden
(negativer) Einfluss vor allem auf Endzustand, aber auch auf Geschwindigkeit und Erwerbsverlauf
Widerlegen der CPH
Gegenevidenz: Sprecher, die trotz (AzE) Alter zu Erwerbsgewinn nach Pubertät muttersprachliche Kompetenz in der L2 erreicht haben
auch unter „Laborbedingungen“: → erwachsene L2-Lerner mit AzE nach Pubertät, L1 Englisch, Russisch oder Niederländisch
außerdem: heutige Annahme: Lateralisation des Gehirns bereits zwischen 4. und. 6. Lebensjahr abgeschlossen
Studien zum Altersfaktor
1. Eine von Muttersprachlern ununterscheidbare Sprachkompetenz kann auch von erwachsenen L2-Lernern erreicht werden, wobei dies eher die Ausnahme ist.
2. Insgesamt gibt es eine negative Korrelation zwischen dem Alter zu Erwerbsbeginn und dem Endzustand des L2-Erwerbs.
3. Bei frühen L2-Lernern ist unter vergleichbar guten Erwerbsbedingungen ein hohes Maß an Homogenität der Endzustände zu beobachten (sehr oft muttersprachliche Kompetenz).
4. Bei erwachsenen L2-Lernern ist ein hohes Maß an Heterogenität der Endzustände zu beobachten.
Offene Fragen nach Studien zum Altersfaktor
1. Warum erwerben Kinder eine Zweitsprache tendenziell erfolgreicher als erwachsene Lerner?
2. Warum sind unter erwachsenen Lernern (anders als bei Kindern) große Unterschiede im Endzustand des Spracherwerbs zu beobachten?
Beantwortung der offenen Fragen nach Studien zum Altersfaktor
antriebsbasierter Erklärungsansatz
Zusammenhang zwischen Alter, Identifikationsbedürfnis und Spracherwerb
Erwachsene erreichen weniger fortgeschrittene Erwerbszustände als Kinder, weil sie aufgrund einer bereits mit der Erstsprache gefestigten sozialen Identität den Kompetenzgrad früher Lerner nicht mehr erreichen wollen/ müssen
antriebsbasierter Erklärungsansatz nach Pagonis 1

antriebsbasierter Erklärungsansatz nach Pagonis 2

sprachliche Ökonomie
Mensch als homo oeconomicus
Vermeidung von Ressourcenverschwendung
Man lernt nur, was man braucht
Einflussfaktor L1
Teil des Vorwissens
--> Teil des Sprachverarbeiters
positiver L1 Transfer
- Wortstellung
- grammatische Kategorien: Kasussprache als L1 erleichtert Erlernen einer Kasussprache als L2 durch höhere Sensibiltät für morphologische Markierungen und deren Funktion
negativer L1 Transfer
- Wortstellung
- Lexikon: „falsche Freunde“
Positiver UND negativer Transfer
→ tritt oft dort auf, wo oberflächlich betrachtet gewisse Gemeinsamkeiten bestehen; feinere Unterschiede werden dann oft nicht bemerkt
→ z.B. im Bereich der englischen und der deutschen Vergangenheitstempora (Präteritum / simple past, Perfekt / present perfect)
→ deutliche Ähnlichkeiten in Formeninventar und Formenbildung
→ ABER Unterschiede in Bedeutung und Verwendungsweise
VO- Sprache
Verb- Objekt
Verb steht links von Komplementen
Verbphrase ist kopfinitial
Bsp. Englisch
OV- Sprache
Objekt - Verb
Verb steht rechts von Komplementen
Verbphrase ist kopffinal
Bsp. Deutsch
Verbstellung im Deutschen
finites Verb an 2. Position im deutschen Aussagesatz
infinite Verben / Verbbestandteile stehen satzfinal
Vorgehen von Lernern beim L2 Erwerb der deutschen Verbstellung
1. L1 Russisch, VO
a. Beginn mit scheinbar korrekten SVO-Stellungen
b. Allerdings deutliche und lang anhaltende Probleme mit der Realisierung der Verbklammer / OV-Stellung
c. Deutliche und lang anhaltende Probleme bei der Verbendstellung im Nebensatz
d. Vergleichsweise langsamer Erwerb der deutschen Verbstellung und Satzbaumuster
2. L1 Türkisch, OV
a. Beginn mit scheinbar inkorrekten SOV-Stellungen
b. Variation zwischen SOV und SVO in Aussagesätzen
c. schnelle Festigung der SVO-Stellung im Aussagesatz, problemloser Erwerb der Verbklammer
i. hierbei interessante „Übergangskonstruktion“
d. problemloser Erwerb der Verbendstellung in Nebensätzen
Einfluss der L1-Wortstellung auf den L2-Erwerb
Prinzipiell keine Übertragung von L1 Wortstellung auf L2
Übertragung nur dann, wenn sich im L2-Input Evidenz für die L1-Wortstellung zeigt
Problem bei Übertragung von L1- Wortstellung
Deutsche Inputdaten sind strukturell ambig, es gibt in der Oberflächenstruktur VO-Stellungen und OV- Stellungen vor à Sowohl Sprecher einer VO- Sprache als auch Sprecher einer OV-Sprache übertragen die L1-Wortstellung in frühen Erwerbsphasen auf die L2 Deutsch
Die Erstsprache, konkret, die L1-Wortstellung, hat vor allem Einfluss auf den Verlauf und auch auf die Geschwindigkeit des L2-Erwerbs, nicht jedoch auf den Endzustand
Erwachsene Lerner erreichen meist kein Muttersprachlerniveau, können aber in der Zielsprache kommunizieren