• Vielfältiger Begriff: Aktionen von Schüler:innen gegenüber Mitschüler:innen, dem Gebäude, der Schuleinrichtung • „Unter aggressiven Verhaltensweisen werden hier solche verstanden, die Individuen oder Sachen aktiv und zielgerichtet Schaden zufügen, sie schwächen oder in Angst versetzen“ (Fürntratt, 1974) • Verschiedene Intentionen der Aggression (Auswahl) • Reaktion auf (vermeintliche) Bedrohung (Verteidigung eines Reviers, einer Rangposition, Notwehr …) • Aggression aus Frustration (Abreaktion einer negativen Stimmung, Rache) • Instrumentelle Aggression (als Mittel um Ziel zu erreichen, z.B. Aufmerksamkeit, Ressourcen o.ä.) • Aggression als Nervenkitzel oder Selbstzweck (Lustgewinn aus Streit)
Situation in Deutschland (körperliche Gewalt an Schulen)
• Schwerpunkt bilden verbale und indirekte Aggressionen; körperliche Gewalt und Vandalismus seltener • Perspektive der Schüler:innen und Eltern: beobachten aggressives Verhalten häufiger als Lehrkräfte; stimmen aber hinsichtlich der Relationen zwischen den verschiedenen Aggressionsformen überein • Befunde zur körperlichen Gewalt in der Schule: • Etwa 2/3 der „Raufunfälle“ entfallen auf Jungen. • 60% der Unfälle passieren im Alter zwischen 11 und 15 Jahren. • Die meisten Unfälle geschehen in den Pausen. • Die Hauptschule ist die Schulform mit dem höchsten Anteil an „Raufunfällen“ (30 von 1000 versus 6 von 1000 am Gymnasium; bezogen auf 2010). • Körperlich aggressives Verhalten von Schüler:innen gegenüber Lehrkräften selten, jedoch Zunahme an verbaler Gewalt / Unterrichtsstörungen mit dem Alter • Kein genereller Unterschied zwischen großen und kleinen Schulen, bzw. Stadtschulen und Schulen auf dem Land, aber großer Unterschied zwischen Schulen des gleichen Typs.
Situation in Deutschland (psychische Gewalt an Schulen)
• Ausmaß und Folgen psychischer Gewalt sind erheblich schwieriger zu ermitteln. • Grundschule: - 27% der Schüler:innen geben an, schikaniert zu werden - bei 8% ist anzunehmen, dass sie ein- oder mehrmals pro Woche schikaniert werden • Weiterführenden Schulen: - ca. 14 % der Schüler:innen werden manchmal und etwa 4% der Schüler:innen ein- oder mehrmals pro Woche schikaniert -> Stabilität der Rollen nimmt zu • Vermutlich auch bei psychischer Gewalt Rückgang seit 1994 (Fuchs et al., 2005), jedoch fundamentale Veränderung der Lebensumwelt: Verlagerung von Mobbing-Prozessen in soziale Netzwerke
Gewalt in der Schule
Begriffsbestimmung • „Eine Schülerin oder ein Schüler wird gemobbt oder tyrannisiert, wenn sie oder er wiederholt und über eine längere Zeit negativen Handlungen durch einen oder mehrere andere Schüler ausgesetzt ist“ (Olweus) • Ungleichgewicht der Kräfte: die Person, die den negativen Aktionen ausgesetzt ist, hat Mühe sich selbst zu wehren und ist hilflos gegenüber den Gewalttätern Gewaltverhalten tritt bei Jungen und Mädchen auf • Jungen setzen sich eher physisch auseinander • bei Mädchen überwiegen indirekte Methoden: Gerüchte auszustreuen, erpressen, bedrohen, etc. • Jungen quälen vorwiegend Jungen; Mädchen quälen vorwiegend Mädchen
Bullying
Bullying (engl. für „tyrannisieren“) • Eine oder mehrere Personen greifen eine (oder mehrere) Person(en) über einen längeren Zeitraum wiederholt an • die angegriffene Person ist unterlegen und kann sich kaum zur Wehr setzen • Methoden: physisch, verbal, relational • Unterschied zu Mobbing (von engl. Mob): weitgehend gleichbedeutend; Bullying ist Mobbing im schulischen Kontext • Unterschied „Bullying“ versus „Teasing“ (engl. Necken, Ärgern, Foppen, Sticheln …): Stabilität der Rollen / andauerndes Machtgefälle • Soziale Rollen: • Unmittelbar: a.) „Opfer“, b.) „Tä t e r : i n“, c.) „Opfer-Tä t e r “ • Mittelbar: d.) „Assistent:in“, e.) „Verteidiger:in“, f.) Unbeteiligte Personen / Bystander
Merkmale, die das Risiko, Opfer zu werden, erhöhen
Persönliche Eigenschaften • Unterdurchschnittliche körperliche Fitness • Tendenziell unterdurchschnittliche schulische Leistungen • Äußerliche Abweichungen (Brille, Adipositas, etc.) spielen nur eine geringfügige Rolle, können aber „Kristallisationskeim“ für Mobbing sein • Verhalten: unsicher, ängstlich, still und empfindsam • Psychische Faktoren: • Niedrige soziale Kompetenzen • Unfähigkeit, soziale Probleme zu lösen • Negatives Selbstkonzept Familiärer und sozialer Hintergrund • Soziale Isolation, Einsamkeit, niedriger Sozialstatus • Ungünstige familiäre Verhältnisse (Konflikt zwischen Eltern; Überbehütung, Erziehungsstil) • Passivität -> „Wehrt sich nicht“ • Oft hohes Bestreben, Anschluss zu finden, was jedoch als Unterwürfigkeit interpretiert wird • Es ist unklar, in wie weit diese Eigenschaften Folgen oder Ursachen von Mobbing-Prozessen sind.
Merkmale, die das Risiko, Täter:in zu werden, erhöhen Persönliche Eigenschaften
• Fähigkeiten: Keine besonderen Merkmale hinsichtlich Begabung und Schulleistung (Tendenz unterdurchschnittlich), aber überdurchschnittliche körperliche Kräfte • Externalisierende Verhaltensstörungen • Soziale Kognition und Empathie: (Metaanalyse von van Noorden, Haselager, Cillessen & Bukowski, 2015) - kognitive Empathie (Perspektivenübernahmefähigkeit) im Schnitt nicht reduziert, allerdings große Variation in den Forschungsergebnissen - Affektive Empathie (Mitleid) durchgängig deutlich negativer ausgeprägt. -> Täter:innen verfügen über Perspektivenübernahmefähigkeiten, aber kein Schuldgefühl und kein Mitleid mit dem Opfer • Verhalten: - Unterdurchschnittliche Ängstlichkeit / Hemmungen - Neigung zu verbaler und physischer Aggression -> Erlernte, instrumentelle Aggression: sind daran gewöhnt, sich aggressiv durchzusetzen
-> Hohe Stabilität der aggressiven Verhaltensweisen!
Merkmale, die das Risiko, Täter:in zu werden, erhöhen Sozialer und familiärer Hintergrund
• Elternhaus: - Bestrafende und inkonsistente Erziehung - Wenig Kontrolle - Mangel an emotionaler Wärme - Innerfamiliäre Gewalterfahrung
• Sozialer Hintergrund: - Schlechter Einfluss durch Gleichaltrige - Ungünstiges soziales Umfeld (z. B. Stadtteil) - Negatives Schulklima - Ungünstiger sozio-ökonomischer Status
• Änderung des Verhaltens ist schwer, da Einsicht fehlt • Sind in der Lage, situationsspezifisch vorzugehen (Schäfer, 2012: „Bistrategen“): Vor der Lehrkraft u. U. sehr vorbildliches Verhalten
Eigenschaften von Täter-Opfern
Psychische Faktoren • Komorbid externalisierende und internalisierende Verhaltensstörungen • Deutlich negative Einstellungen gegenüber sich selbst und gegenüber anderen • Geringe soziale Kompetenzen • Geringe Problemlösungsfähigkeiten • Schlechte akademische Leistungen
Soziales Umfeld • Negativer Einfluss durch Peers • Soziale Zurückweisung und Isolierung
Situationale Faktoren
• Kompetitiver Unterricht (vgl. Ferienlager-Studien von Sherif; vgl. beliebte „Psycho-Spielchen“ in Casting-und Dating-Shows) • Verstärkung der Bullies durch Nicht-Reagieren der Lehrkräfte • Inkonsequentes Handeln der Lehrkräfte
-> Reagieren Sie! Nicht-Einmischung verstärkt Problemlage! Vermeiden Sie alles, was Außenseiter weiter ausgrenzt!
Bedingungsmodell
Folgen / Komorbiditäten im Erwachsenenalter
• Mobbing-Opfer haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Angststörungen im Erwachsenenalter. • Täter:innen haben ein deutlich erhöhtes Risiko zur Entwicklung einer antisozialen Persönlichkeitsstörung • Die negativsten Folgen ergeben sich für Täter-Opfer im Alter von ca. 25 Jahren: • 32% haben eine Angststörung • Erhöhte Suizidrate und Depressionen
Mediale Gewalt: Cybermobbing / Cyber-Bullying
• Direkte (Flaming, Harassment, Cyberstalking & Cyberthreads) und indirekte Methoden (Verleumdung, Bloßstellung, Impersonation & Ausschluss) • Die Mehrheit der Opfer kennt die Täter:innen, selbst bei anonymen Taten. • Ausgangspunkt sind meist Konflikte in der realen Welt • Problem: sog. „Disinhibition-Effekt“: Täter:in sieht Gesicht des Opfers nicht -> Handlungskonsequenzen werden nur teilweise wahrgenommen -> geringere Verantwortlichkeit für Taten, höhere Intensität und Dauer • Unterschiede zum „traditionellen Mobbing“: - Permanente Erreichbarkeit der Opfer -> sehr belastend • Schnelle und weite Verbreitung der Nachrichten, größeres Publikum • Nicht zwangsläufig Kräfteungleichgewicht zwischen Opfer und Täter:in , oft auch Racheakte für vorheriges Mobbing
Dennoch: Bedeutung möglicherweise überschätzt
Olweus (2013) sieht die Berichterstattung auf diesem Gebiet kritisch: Bei Cyberbullying handele es sich nicht um eine vom »traditionellen« Bullying unterscheidbare Form von Gewalt: 1. Überlappung: kein eigenständiges Phänomen oder eine neue Aggressionsform. Sie betrifft die gleichen Personen, die bereits traditionell mobben oder gemobbt werden (etwa 90% der von Cyberbullying betroffenen Personen). 2. Häufigkeit: Cyberbullying kommt nicht häufiger vor als traditionelles Bullying, sondern deutlich seltener. 3. Steigerungsraten: Aufgrund der begrenzten Untersuchungszeiträume ist kein abschließendes Bild möglich. Momentan ergeben sich keine Hinweise auf deutliche Steigerungen über die Zeit. 4. Intensität: Die Auswirkungen auf die Opfer sind schwer einzuschätzen. Diese gehen vermutlich im Schnitt nicht deutlich über die Folgen traditionellen Bullyings hinaus, was im Umkehrschluss dennoch bedeutet, dass traditionelles Bullying und Cyberbullying beide unbedingt angegangen werden müssen.
Ziele nach Dan Olweus
- Reduzierung mittelbarer und unmittelbarer Gewalt - Verbesserung der Beziehungen unter den Schüler:innen - Bedingungen schaffen, die sowohl Opfern als auch Tätern ein besseres Auskommen miteinander, innerhalb und außerhalb der Schule, ermöglichen - Förderung und Erweiterung der sozialen Kompetenz - Entwicklung des Schulklimas
Interventionsebenen
Individuelle Ebene: Spezielle Maßnahmen
Also, noch einmal im Überblick: Persönliche (individuelle) Ebene
Klassenebene
• Klassenregeln zum sozialen Umgang miteinander (gemeinsam erarbeiten, damit gemeinsam getragenes Konzept entsteht) • Wiedergutmachung/ Sanktionen bei Regelübertretung werden konkret und schriftlich visualisiert festgehalten • schriftliche Reflexionen durch die „Regelübertreter:innen“ und Formen des Täter-Opfer-Ausgleichs • Kontinuierliche Klassengespräche • Beachtung der Bedeutung von lerntheoretischen Grundsätzen wie z.B. positive Bestätigung bei Nichtüberschreitung der Regeln; Aufbau von Alternativverhalten; kooperatives Lernen und konsequentes Einhalten der verabredeten Sanktionen/ Wiedergutmachung • Aufarbeitung des Themas Gewalt und Aggression im Unterricht in Theorie und Rollenspielen • Thematisierung der Chancen und Gefahren moderner Kommunikationsmedien
Schulebene
Situationen, in denen Gewalt auftritt: • 39,2% der Verletzungen finden in der Pause auf dem Schulhof • 26,6% in Fluren und Klassenräumen • 23,3% der Verletzungen durch aggressives Verhalten im Sportunterricht • 10% auf dem Schulweg
Ziele nach Olweus: • Verstärkung der Pausenaufsicht (und aktives Eingreifen der Lehrkräfte bei Gewalt) • Gestaltung des Schulhofes zu einem attraktiven Platz • Konfliktsprechstunde bzw. Mediationsraum; Kummerkasten, Sorgentelefon • Entwicklung von Schulkultur an der Schule (Schulethos „gewaltfreie Schule“) • Themenbezogene Kooperation von Lehrkräften mit Eltern bis hin zu Initiativgruppen für eine weltoffene Schule
Effekte des Programms von Olweus
• Gewaltreduktion: - Gewalt geht um 50% zurück - Reduktion sowohl von physischer, als auch relationaler Gewalt - Keine Verlagerung der Gewalt aus der Schule auf den Schulweg - Deutlicher Rückgang anderer Gewalthandlungen wie Vandalismus, Diebstahl, Schulschwänzen und Trunkenheit
• Prosoziales Verhalten: - Deutliche Verbesserung des Klasssenklimas - Besseres Klassenklima und Zufriedenheit der Schüler:innen
• Neuere Metaanalysen (Ttofi & Farrington, 2011) dokumentieren niedrigere, aber deutlich positive Effekte
Exkurs: Gewaltabbau durch Katharsis?
• Hypothesen: - Das Ausleben von Gewalt führt zu einem Abbau von Triebenergie. - Die Vermittlung von Kampfsporttechniken hilft beim Abbau von Aggressionsbereitschaft und dem Aufbau von Disziplin / Selbstkontrolle.
• Untersuchung (Endersen & Olweus, 2005): - Längsschnittstudie (Cross-Sectional) über 3 Jahre - Erfassung aggressiven und nicht-aggressiven antisozialen Verhaltens (Selbstbericht) - Erfassung der Effekte eines Training in Kick-Boxing, Gewichtheben und Martial Arts (Karate, Tae Kwon Do, Judo)
Zusammenfassung der Studie von Endresen & Olweus
• Teilnahme an „Power Sports“ (Kick-Boxen, Wrestling, Gewicht-Heben, Martial Arts) führt zu einer Zunahme antisozialen Verhaltens in einem breiten Spektrum von Handlungsfeldern: - Gewalttätiges Verhalten (Kämpfe anfangen, Verwendung von Waffen wie Messer oder Prügel) - Nicht-gewalttätiges antisoziales Verhalten (Vandalismus, Diebstahl …) • Kampfsportarten führen nur dann zu einer Verringerung, sofern man diese beendet, und auch diese Effekte sind kleiner als die bereits gemachten Lernerfahrungen • Keine Selektionseffekte • Zunahme der Aggressionsbereitschaft resultiert aus: - Erwerb von Kampfsporttechniken - Konfrontation mit „Macho“-Einstellungen und Normen • Keine Hinweise auf Katharsis-Effekte! • Studie z. T. kontrovers diskutiert. Generell wichtig: Defensiver Charakter sollte bei Training im Vordergrund stehen
Take -Home-Message
• Schulische Gewalt ist seit jeher weit verbreitet. • Sie resultiert aus Gruppenprozessen und es bilden sich prototypische Rollen heraus, die v.a. in der Sekundarstufe über lange Jahre stabil sein können. • Ursachen liegen in individuellen Eigenschaften, situationalen Faktoren und Gruppenprozessen. • Unterlassen Sie alles, was einzelne Kinder/Jugendliche sozial isoliert, betonen Sie gemeinsame Ziele. • Versuchen Sie, eine Umwelt zu schaffen, in der es nicht zu Gewalt kommt: Beachtung der Individual-, Klassen- und Schulebene. • Tolerieren Sie Gewalt an Ihrer Schule nicht!