„Ein interpersonaler Konflikt liegt dann vor, wenn die Konfliktparteien unvereinbare Ziele anstreben und das Verhalten der einen Partei das Verhalten der anderen behindert, blockiert, stört oder weniger wirksam macht.“ (Neubauer, 2000, S. 196)
Toleranzschwelle, ab der ein Ereignis als Konflikt angesehen wird.
-> Unvereinbare Ziele -> Das Verhalten der anderen behindert, blockiert, stört
Lehrkraft-Schule*innen-Konflikte
- Lehrkraft-Schüler*innen Konflikte relativ selten (30 % der Schüler berichten über verbale Angriffe durch Lehrer; Schwind et al., 1995, Jahrgangsstufen 7 – 13) - Konflikte führen zu starker Belastung für Lehrkräfte - Häufiger an Förder- & Mittelschulen als an Grundschulen, Realschulen und Gymnasien
Schüler*innen-Schüler*innen-Konflikte
- Aggression: Verhalten mit Schädigungsabsicht - Aggressivität: Eigenschaft - Gewalt: Aggression + Kräfteungleichgewicht - aber: nach Neubauer (2000) Gewalt als körperliche Aggression - Bullying (= Mobbing an der Schule): Gewalt + wiederholt, über längere Zeit gegen dieselbe Person
Aggression (Busch & Todt, 2010) und deren Formen
- Instinktive Aggression - Ärger-Aggression - Instrumentelle Aggression - Aggression als Nervenkitzel oder Selbstzweck Formen: -direkt: körperlich - direkt: verbal (Hänseln), Gesten - indirekt: Ausgrenzen, Gerüchte verbreiten -> Jungen verwenden eher direkte Aggression, Mädchen eher indirekte.
Bullying: Prävalenz
- etwa 5 % als Opfer von Bullying - etwa 1 (bis 2) Opfer pro Klasse - kaum eine Klasse ohne Opfer! - eher innergeschlechtlich, am seltensten: - Mädchen mobben Jungen - schon im Kiga: Jungen eher körperlich, Mädchen eher relational - Alterstrend: weniger körperlich, mehr indirekt
Bullying: Täter (BullBulliies) nach Olweus (1978)
- positive Einstellung zur Aggression - Aggressionen nicht als Reaktion / Kompensation - selbstsicher - Oft körperlich stärker als Opfer - Starkes Dominanzstreben - wenig Mitgefühl für Opfer (=/= fehlendes Verständnis für Moral!) - gute soziokognitive Fähigkeiten (nicht ganz eindeutig) - durchschnittlich beliebt (überschätzen selbst oft eigene Beliebtheit)
Bullying: Opfer
- Kurzfristig leiden Opfer an Schlafstörungen, psychosomatischen Problemen - Zeigen Tendenzen zur Schulvermeidung - Langzeit Risiko von Bullying: -> erhöhtes Risiko für Depressionen, erhöhte Suizidgedanken -> Selbst Jahre nach Schulabschluss oft noch psychische Folgen spürbar (emotionale Einsamkeit, ängstlicherer Beziehungsstil)
Bullying: Entstehung
1. Typischer Bully und späteres Opfer treffen in Klasse aufeinander. 2. Umgang in Klasse wird durch Bully rauer. Bully „entdeckt“ Opfer. 3. Bully nutzt Opfer für Dominanz und Aufmerksamkeit aus. Dazu muss Bullying in der Klasse toleriert werden (“In einer Gruppe passiert, was eine Gruppe zulässt”). 4. Bully stiftet Mitläufer an. Mobbing wird „akzeptiert“.
Duldung der Aggressionen durch Lehrkräfte
Bullying als Gruppenphänomen
- Modernere Ansicht: Hervorhebung des sozialen Gesamtkontexts - Nicht einzelne Täter & Opfer, sondern Bullying tritt innerhalb einer bestimmten Gruppendynamik auf - Smith & Sharp (1994): „[Bullying] als systematischen, wiederholten Missbrauch sozialer Macht in den kontrollfreien Räumen hierarchisch strukturierter Systeme und bezieht damit ebenfalls den sozialen Kontext als Determinante der [Bullying-] dynamik mit ein“
Bullying folgt einer Gruppendynamik, da:
Täter*in … - mit sukzessiver Unterstützung einiger Gruppenmitglieder handelt - das Opfer wiederholt und systematisch attackiert, bloßstellt und sozial isoliert - dominante Position durch die Gruppe zugestanden wird
-> Diese Position wird dadurch erlangt, dass Täter*In die „ Deutungsmacht über die akzeptierten sozialen Normen der Gruppe“ erhält (Andere folgen dem Beispiel des/Der Täter*in; schließen sich an) -> So wird die Aggression sozial akzeptiert und die Reaktion des Opfers als Normverstoß gedeutet
Mechanismus der Akzeptanz
- Das Streben nach stabiler Positionierung in Gruppe > moralisch angemessene Deutung der Situation - Oftmals haben Täter anders als oft angenommen keine schlechtere Fähigkeit, die Perspektive der anderen zu übernehmen - Zitat aus der Grundlagenliteratur: „Verschiedene Studien belegen schon ab dem fortgeschrittenen Grundschulalter, dass diejenigen, die das Schikanieren von Mitschülern initiieren, besser als ihre Altersgenossen die Perspektive anderer übernehmen können (Sutton et al., 1999; Backhausen, 2007; Schäfer, 2008b). Sie können die kognitiven Fähigkeiten, die man zum Täuschen/Manipulieren beherrschen muss, besser als andere zur Zielerreichung einsetzen.“ - Bullying tatsächlich funktionales Verhalten ist (Auswahl des leicht zu instrumentalisierenden Opfers, um Gruppe zu manipulieren, um sich eine zentrale Rolle in der Aufmerksamkeitshierarchie der Gruppe zu sichern) -> Je länger das Bullying, desto mehr gewinnt Täter*in Interpretationshoheit des Opfers und zerstört ultimativ somit dessen soziale Beziehungen und Selbstbewusstsein -> Dass sich Täter*innen oft schnell ein neues Opfer suchen, nachdem das Alte die Klasse verlassen hat zeigt, dass Opfer oft austauschbar sind -> Hypothese, dass Opfer an der Situation selbst schuld sind, darf nicht gelten
Dynamik bei der Entstehung von Bullying
- An Bullying sind bis zu 9 von 10 Schüler*innen beteiligt (Salmivalli et al.)
- Täterrolle (10 %) - Assistentenrolle (10 %) (Unterstützen Täter*in) - Verstärkerrolle (10 %) (Beifall, Anstacheln, etc.) - Außenstehendenrolle (20-30 %) (halten sich raus) -> Verstärkt auch jede Art von Aggression, durch Wegfallen der negativen Konsequenz von aggressivem Verhalten) - Verteidigerrolle (20-30 %) (Beziehen aktiv Position für das Opfer) + die Opfer Verstärkungsfaktor: hohe wahrgenommene Popularität der Täter*innen( -> Soziometrie) „Wenn Täter*in X populär ist, scheint er/sie etwas richtig zu machen“ -> fungiert als Maßstab für akzeptiertes Verhalten der Gruppe
Bullying und Gruppennormen
- Bullying oft leichter bei noch nicht/kaum integrierten Schüler*innen - Gruppe lehnt aggressives Verhalten von Täter*innen gegen Personen, die (noch) nicht/ kaum als Mitglied wahrgenommen werden weniger stark ab - Teilweise auch bewusste Herbeiführung einer starken Gegenreaktion des Opfers, damit die Gruppe diese inadäquate (aber zu erwartende) Gegenreaktion als Normverstoß sieht - Beispiel: Täter ärgert das Opfer so lange mit Sprüchen, bis das Opfer mit bspw. Anschreien, starkes Zurückbeleidigen versucht zu reagieren. Das wiederum dient als Grundlage für zukünftiges Bullying, da diese Reaktion an sich als bspw. Überreaktion und komisch gesehen wird.
Gerade bei Heranwachsenden ist sozialer Einfluss ein Treibender Faktor des normativen Wertesystems
- Bullying wird von den meisten Schüler*innen als negativ bewertet - Umsetzung persönlicher Überzeugungen („Ich mag es nicht, wenn jemand angegriffen oder gehänselt wird“) wird durch geltende Normen der Peergruppe („Die meisten in der Klasse finden es eher cool, wenn XY fertiggemacht wird“) beeinflusst - Verantwortungsdiffusion bei Einschreiten in Fällen von Bullying („Ich fühle mich nicht direkt verantwortlich, ich bin kein Teil davon, ich möchte damit nichts zu tun haben“) - Pluralistische Ignoranz („Die anderen machen ja auch nichts, da kann es doch gar nicht so schlimm sein“) -> Oft ist Bullying aber keine besonders schlimme Einzelaktion, sondern immer wieder konstant kleine Nadelstiche zu setzen.
Moralische Kompetenz als Einflussfaktoren
- Nicht moralische Kompetenz, sondern Moralische Motivation entscheidend für Bullying - Unterschiede im abstrakten moralischen Wissen konnten keine Erklärung für Verhalten in Bullyingsituationen liefern - Täter*innen oft mit hoher sozio-kognitiven Kapazität
Moralische Motivation: - Emotionen, die unmoralisches Verhalten sanktionieren (bspw. Sich schuldig fühlen) als Indikatoren für moralische Motivation - Moral disengagement -> Rechtfertigung von unmoralischem Handeln durch pseudo-moralische Rationalisierung -> „Das Opfer hat die Tat provoziert und ist selbst Schuld“ -> Unterdrückt internalisierte moralische Reaktionsmuster / Sanktionen
Präventionsmöglichkeiten
Prävention: - Nicht auf individueller Ebene ansetzen - Stärkung der Anwendung der allgemeinen moralischen Überzeugung auf den konkreten Bullying- Einzelfall (u.a. das Stärken, dass eigene Überzeugungen in Gruppensituationen geäußert werden) - Schaffung eines sozialen Umfelds, das interventiv handelt, bevor sich Bullying etablieren kann - Etablierung einer sehr klaren Struktur, in der es sehr klare soziale Regeln gegen Bullyingversuche innerhalb der Klasse gibt -> Klare Sanktionierung oder Anerkennung bestimmter Verhaltensweisen -> Operantes Lernen; Pädagogische Verhaltensmodifikation
Interventtionsmöglichkeiten
Im Rahmen einer Kultur moralischer Kompetenz und Motiavtion: - Angebracht jede*n für jede Bullying Aktion verantwortlich zu machen - Aktive Zuschreibung von Verantwortung in konkreter Situation annulliert moral disengagement (-> Partizipieren in Bullying ist ein Normverstoß an sich, egal was vorher passiert ist -> einzelne Mitglieder können für Gruppenhandlungen zur Verantwortung gezogen werden) - Hiermit ist mehr die Verantwortung der Gruppe/Klasse untereinander gemeint, dass niemand bei Bullying passiv bleibt, da es klare Regeln und Normen gegen Bullying gibt -> Direkte Intervention der Lehrkraft nicht immer direkt hilfreich