Allerdings zeigen die Befunde internationaler Vergleichsstudien,dass unser Bildungssystem diesbezüglich nichtallzu erfolgreich ist. Insbesondere gelingt es offenbar nicht,herkunftsbedingte Bildungsbenachteiligungen auszugleichen,wie etwa die Herkunft aus sozial schwächeren Verhältnissenoder einen Migrationshintergrund. In diesemSinne benachteiligte Kinder treten häufig bereits am erstenSchultag mit ungünstigen Eingangsvoraussetzungen zumUnterricht an. Wie aus den Befunden verschiedener Längsschnittstudienhervorgeht, können diese anfänglichen Rückständein den nachfolgenden Schuljahren ..................aufgeholt werden
nur noch bedingt
Fördermaßahmen gelten als evidenzbasiert, wenn
gelten als evidenzbasiert, wenn sienicht nur eine solide theoretische Fundierung aufweisen,sondern darüber hinaus auch überzeugende empirischeBelege für ihre Wirksamkeit vorliegen. Idealerweise liegenmehrere empirische Untersuchungen vor, die bestimmtenmethodischen Anforderungen genügen (7 Kap. 17, Friesund Souvignier in diesem Band), sodass die Befundeeine möglichst klare Aussage darüber erlauben, ob diejeweilige Maßnahme tatsächlich wirksam ist.
--> Häufig entfalten sie nicht gewünschte Wirkung
Unter den zahlreichenMaßnahmen, die mit präventiver Intention in denKindergärten zum Einsatz kommen, wird das Kriteriumder Evidenzbasierung jedoch nur von sehr wenigen erfüllt.
Selbst in so prominenten Bereichen wie der Sprachförderungliegen viel zu wenige aussagekräftige Studien vor,die Gewissheit geben könnten, welche Maßnahmen tatsächlichdie erhofften präventiven Förderpotenziale entfalten(Weinert und Lockl 2008). Erschwerend kommt hinzu, dassviele Studien methodische Schwächen aufweisen, sodass dieBefunde oft nur eingeschränkt interpretierbar sind.
Wertvolle Beiträge zur Verbesserung dieser Situationstammen aus der pädagogisch-psychologischen Interventionsforschung
Diese definiert, welche methodischenAnforderungen an empirische Evaluationsstudien zustellen sind und welche Kriterien erfüllt sein müssen, damitdie Wirksamkeit der evaluierten Maßnahme beurteiletwerden kann (7 Kap. 14, Köller in diesem Band). Die entsprechendenMaßnahmen orientieren sich üblicherweisean theoretischen Modellen der natürlichen Kompetenzentwicklung.Die Programme zielen auf einen systematischen Kompetenzaufbau ab, sie sind klar strukturiert undbeinhalten standardisierte Durchführungsrichtlinien. Hierdurchwird sichergestellt, dass die Förderpotenziale derMaßnahmen nicht durch willkürliche Abweichungen undAusschmückungen untergraben werden (Sicherung derTreatment-Validität; Pressley und Harris 1994). Idealerweiseliegen mehrere und aussagekräftige empirischeStudien vor, die die Wirksamkeit des jeweiligen Förderprogrammsbelegen
Von anderen Fachdisziplinen im Bereich der Bildungs-forschung wird der programmatische Aufbau pädagogisch-psychologischer Trainings gelegentlich kritisch bewertet.
Dabei wird häufig die Auffassung vertreten, dass durch diestandardisierte Vorgehensweise individuelle Lernwege undEntfaltungsmöglichkeiten unterdrückt würden. Als alternativeAnsätze werden vielfach „ganzheitliche“ Methoden oder„selbstentdeckendes Lernen“ hervorgehoben, die individuellenEntwicklungsbedürfnissen angemessen entgegen kämen.
Zudem kann ein global konstruktivistisches,allein auf selbstentdeckendes Lernen ausgerichtetes Vorgehenunter präventiven Gesichtspunkten als ungeeignet gelten, dadies gerade für Kinder mit Lern- und Vorwissensdefizitenregelmäßig Überforderungen mit sich bringt
Im Allgemeinen dienen vorschulische Fördermaßnahmendazu,
Kinder auf die Schule und das spätere Leben vorzu-bereiten. Insbesondere sollen sie Problemen in der späterenBildungslaufbahn vorbeugen, das heißt, sie verfolgen einepräventive Zielsetzung.
Drei Stufen der Prävention (vgl. von Suchodoletz 2007)
Welche Arten von Prävention werden im Vorschulischen Bereich geleistet
Bei den Trainingsprogrammen für das Kindergarten- undEinschulungsalter, die in diesem Kapitel behandelt werden,handelt es sich naturgemäß eher um primär- und sekundär-präventive Maßnahmen, da sie Schwächen beziehungsweiseStörungen im schulischen Lernen vorbeugen sollen, die zudiesem Zeitpunkt noch gar nicht manifestiert sind. Tertiär-präventive Maßnahmen fallen demgegenüber eher in denBereich der Therapie (schulischer Lernstörungen) undkönnen im Rahmen vorschulischer Fördersettings nichtgeleistet werden.
Es stellt sich jedoch die Frage, in welchem Umfangund in welchen Lernbereichen eine Ergänzung durch ent-sprechende Förderprogramme sinnvoll und zielführendist.
echende Förderprogramme sinnvoll und zielführendist. Nicht zuletzt angesichts der begrenzten Ressourcen desvorschulischen Bildungssystems scheint es zwingend not-wendig, eine gewisse Priorisierung vorzunehmen. Grund-sätzlich ist es naheliegend, vorrangig solche Fähigkeiten undFertigkeiten in den Blick zu nehmen, die für den weiterenEntwicklungsverlauf beziehungsweise die nachfolgendeSchullaufbahn besonders relevant sind und die – im Falleeiner ungünstigen Entwicklung – zusätzliche Sekundär-problematiken nach sich ziehen. Es sollten also Kompetenz-bereiche im Fokus stehen, die für die anschließendeEntwicklung eine besonders breite „Streuwirkung“ auf-weisen.
Mit Blick auf die geforderte Streuwirkung der Maßnahmenbieten sich zunächst allgemeine kognitive Fähigkeiten undFertigkeiten als potenzielle Ansatzpunkte für eine Förderungan. Diese haben auf breiter Front leistungslimitierende Einflüsseauf den Lernprozess sind damit lerngegenstandsübergreifendrelevant. Naheliegend ist beispielsweise eine gezielte Förderungdes Arbeitsgedächtnisses,
das beim Lernen allgemein alseine Art „Flaschenhals“ gilt (Hasselhorn und Gold 2006). Diepräventiven Potenziale von Arbeitsgedächtnistrainings sindallerdings umstritten. So genügt es für den Zweck der Prä-vention nicht nachzuweisen, dass nach der Förderung bessereLeistungen in verschiedenen Arbeitsgedächtnistests erzieltwerden. Vielmehr muss zudem sichergestellt sein, dass mitdem Training auch die gewünschten Transferwirkungen aufandere Lernbereiche erzielt werden. Insbesondere für den Vor-schulbereich konnte jedoch bislang nicht überzeugend belegtwerden, dass sich eine Förderung des Arbeitsgedächtnissesauch tatsächlich in späteren Schulleistungen niederschlägt
Ähnliche Einschränkungen gelten für Trainings zurFörderung exekutiver Funktionen.
Die unter diesen Begriffgefassten kognitiven Regulations- und Kontrollmechanis-men (z. B. Hemmung von Denk- und Handlungsimpulsen,Wechseln des Aufmerksamkeitsfokus, Aktualisieren vonInformationen im Arbeitsgedächtnis; Drechsler 2007;Miyake et al. 2000) haben ebenfalls einen substanziellenEinfluss auf zukünftige Lernentwicklungen (z. B. Mischelet al. 1988; Roebers et al. 2011; Krajewski und Simanowski2017). Wie im Falle des Arbeitsgedächtnisses liegt jedoch auch für vorschulische Trainings der exekutiven Funktionenkeine hinreichende empirische Evidenz vor, aus der sichüberzeugend ableiten ließe, dass die Maßnahmen präventivwirksam sind, das heißt, dass sie sich auch tatsächlichpositiv auf die spätere Schulleistungsentwicklung auswirken.
Anders verhält es sich mit Maßnahmen zur Förderungdes induktiven Denkens.
Unter induktivem Denken wird dasAbleiten von Regelhaftigkeiten aus konkreten Beobachtungenverstanden (Klauer 1989). Das induktive Denken gilt alseine zentrale Komponente der allgemeinen Intelligenz, diebekanntermaßen substanzielle Zusammenhänge mit derSchulleistung aufweist. Die Annahme, dass eine erfolgreicheFörderung nicht nur spezifisch auf das induktive Denkenwirkt, sondern auch Transfereffekte auf das schulische Lernennach sich zieht, ist daher theoretisch überaus plausibel.Zudem liegen inzwischen umfangreiche empirische Wirk-samkeitsnachweise vor, die diese Annahme bestätigen.
Ein Kompetenzbereich, der das Kriterium einer großenStreuwirkung auf den späteren Schulerfolg in besonderemUmfang erfüllt, ist die Sprachkompetenz.
Da die Spracheals wichtigstes Kommunikationsmedium auch dasdominierende Medium der Wissensvermittlung darstellt, hatsie einen entsprechend nachhaltigen Einfluss auf die gesamteschulische Leistungsentwicklung und zählt somit zu denwichtigsten Ansatzpunkten für eine wirksame Prävention.
Einen weiteren Ansatzpunkt für präventive Fördermaß-nahmen, die eine breite Streuwirkung erwarten lassen, stellensogenannte bereichsspezifische Vorläuferfertigkeiten für denErwerb der Kulturtechniken Schriftsprache und Mathematikdar.
Hierbei handelt es sich um Fähigkeiten und Fertigkeiten,die zwar noch nicht im engeren Sinne als Lesen, Schreibenoder Rechnen zu bezeichnen sind, die aber eine wichtigeVoraussetzung für deren Erwerb darstellen. Bezogen auf denSchriftspracherwerb ist dies vor allem die phonologischeBewusstheit, also die Einsicht in die Lautstruktur der Sprache.
Analog hierzu werden für den mathematischen Kompetenz-erwerb sogenannte mathematische Basiskompetenzen,
also grundlegende Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen undMengen oder Größen, als zentrale Voraussetzung betrachtet(Krajewski und Ennemoser 2013). Die genannten Vorläufer-fertigkeiten entwickeln sich in der Auseinandersetzung mitder Umwelt bereits vor dem Schuleintritt und sind in derRegel nicht, oder zumindest nicht in hinreichendem Umfang,Gegenstand der formalen Instruktion im Unterricht. Dasheißt, sie werden im Anfangsunterricht weitgehend voraus-gesetzt oder implizit als „beiläufig erlernbar“ betrachtet. FürKinder, die aufgrund fehlender Anregungen im sozialenUmfeld mit unzureichend entwickelten Vorläuferfertigkeitenin die Schule kommen, hat dies weitreichende Konsequenzen.Viele dieser Kinder gehen in den beiden wichtigsten Grund-schulfächern bereits mit Rückständen an den Start, die imAnfangsunterricht nicht gezielt ausgeglichen werden.
Ausgehend von der Argumentation, dass im Rahmenvorschulischer Präventionsbemühungen vor allemMaßnahmen zu priorisieren sind, die – idealerweise nach-weislich – eine breite Wirkung auf die spätere Schulleistungentfalten, sollte das Augenmerk vor allem auf folgendevier Schwerpunkte gerichtet werden:
induktives Denken,Sprache sowie jeweils spezifische Vorläuferfertigkeiten fürden Erwerb der Schriftsprache (phonologische Bewusstheit)und der Mathematik (mathematische Basiskompetenzen).
Die Sprache ist ein extrem flexibles Kodiersystem
das es uns einerseits ermöglicht, komplexe, abstrakte Informationen „nach außen“ zu kommunizieren, und das uns umgekehrtauch dabei hilft, Wahrgenommenes verbal „nach innen“ zukodieren, Informationen zu strukturieren, sie problemlösendzu verarbeiten und in größere Zusammenhänge einzubetten.
Um Sprache in diesem Sinne nutzen zu können, muss jedochdas ihr zugrunde liegende Regelsystem erworben werden(vgl. Weinert und Lockl 2008). Die Kompetenzen, die hier-bei aufgebaut werden müssen, lassen sich im Wesentlichenauf vier Ebenen verorten.
Der Erwerb dieser Kompetenzen zählt zweifellos zu denwichtigsten Entwicklungsaufgaben des Kindesalters. Defizite inder Sprachkompetenz ziehen langfristige Beeinträchtigungenim späteren Bildungserfolg nach sich, was nicht zuletzt durchdie massiven Bildungsbenachteiligungen von Kindern mitMigrationshintergrund dokumentiert wird
Der Erwerb dieser Kompetenzen zählt zweifellos zu denwichtigsten Entwicklungsaufgaben des Kindesalters.
Defizite in der Sprachkompetenz ziehen langfristige Beeinträchtigungen im späteren Bildungserfolg nach sich, was nicht zuletzt durchdie massiven Bildungsbenachteiligungen von Kindern mitMigrationshintergrund dokumentiert wird Aber auch über denBildungserfolg hinaus stellt die Sprache eine zentrale Voraus-setzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben dar.Die Unterstützung des Spracherwerbs zählt somit zu denwichtigsten Zielen frühkindlicher Bildung und ihr gebührtauch unter präventiven Gesichtspunkten besondere Beachtung.
Vor dem geschilderten Hintergrund ist es erstaun-lich, wie wenig über die Wirksamkeit vorschulischerFördermaßnahmen bekannt ist.
Obwohl inzwischen eine Vielzahl an Förderkonzepten existiert (vgl. Jampert et al. 2005), liegt bislang kein Programm vor, für das in einem hinreichenden Umfang empirische Wirksamkeitsnachweise existieren und das in diesem Sinne als „evidenzbasiert“ gelten kann
Wolf et al. 2011; für einen Überblick vgl. Lisker 2011).Folglich ist es an dieser Stelle nicht möglich, ein bestimmtesFörderprogramm im Sinne eines empirisch bewährten„Gesamtpakets“ hervorzuheben. Allerdings lassen sich ausder internationalen Forschung Hinweise auf bestimmteübergeordnete Prinzipien ableiten, die im Rahmen der vor-schulischen Sprachförderung vielversprechend sind. Ins-besondere kann es als vergleichsweise gesichert gelten, dass große Förderpotenziale in der Art der sprachlichenInteraktion mit dem Kind liegen. Richtungsweisend sindin diesem Zusammenhang die inzwischen als klassisch zubezeichnenden Arbeiten von Whitehurst und Kollegen zurWirksamkeit des sogenannten dialogischen Lesens (dialogicreading; Whitehurst et al. 1988).
Das dialogische Lesen
basiert auf der konsequentenAnwendung einfacher Sprachlehrstrategien, wie sieauch im Rahmen der natürlichen Eltern-Kind-Interaktionbeobachtbar sind („Motherese“; Hoff-Ginsberg 1986;Weinert und Lockl 2008). Als Plattform für die Umsetzungsprachförderlicher Dialoge wird die klassischeVorlesesituation gewählt, die hierfür ideale Möglichkeitenbietet (Ennemoser 2008). Im Zuge des kommunikativenAustauschs über möglichst interessante Inhalte erhaltenKinder die Gelegenheit, eher beiläufig neue Wörter zuerlernen und aus dem „wohlgeformten“ Input intuitivsprachliche Regelmäßigkeiten abzuleiten (vgl. Ritterfeld2000; Polotzek et al. 2008).
Das dialogische Lesen stellt somit – wie die meistenSprachfördermaßnahmen für das Kindergartenalter – einenimpliziten Vermittlungsansatz dar (Polotzek et al. 2008;7 Exkurs „Implizite vs. explizite Vermittlungsstrategien“). EineBesonderheit besteht jedoch darin, dass das dialogische Lesenim Grunde ausschließlich auf die konsequente Anwendungsprachförderlicher Interaktionsprinzipien setzt (Ennemoseret al. 2013). Das heißt, der Förderansatz umfasst wederelaborierte Programmbausteine, die jeweils gezielt auf dieVermittlung bestimmter Sprachkompetenzen (z. B. Plural-bildung, Wortschatz) zugeschnitten sind, noch werden hier-für bestimmte Übungsmaterialien vorgehalten, wie dies inverfügbaren Trainingsprogrammen üblicherweise der Fallist (z. B. Penner 2005; Küspert und Schneider 2006). Nebender Vorlesesituation, die als Plattform für die Realisierungsprachförderlicher Interaktionen genutzt wird, gilt ledig-lich die Vorgabe, dass sich die Auswahl der Bücher an denInteressen und Bedürfnissen der Kinder orientieren soll.
Implizite vs. explizite Vermittlungsstrategien
Was genau ist nun mit sprachförderlichen Inter-aktionen im Sinne des dialogischen Lesens gemeint?Nach Ennemoser und Kollegen (2013) lassen sich dievon Whitehurst et al. (1988) beschrieben Interaktionsprinzipien drei sprachstimulierenden Funktionen zuordnen
1. Anregung der kindlichen Sprachproduktion2. Modellierung sprachlicher Äußerungen3. Verstärkung/Motivation.
Die hierunter gefassten Maßnahmen sind allerdings keines-falls spezifisch dem Ansatz des dialogischen Lesens zuzu -ordnen. Vielmehr handelt es sich um Techniken, die in derForschung zu elterlichen Sprachlehrstrategien allgemein alsbesonders geeignet gelten, um Kindern implizite Kennt-nisse über die formale Struktur der Sprache zu vermitteln
Eine der wichtigsten Strategien zur Anregung derSprachproduktion ist der gezielte Einsatz von Fragen(Arnold et al. 1994; Whitehurst et al. 1988), wobeijedoch die Art der Fragen eine Rolle spielt.
Beispielsweise gelten Entscheidungsfragen für die Anregungder Sprachproduktion als weniger geeignet, da sie gegebenen-falls schlicht mit Ja oder Nein zu beantworten sind.Dem vorzuziehen sind Ergänzungs- und offene Fragen beziehungsweise W-Fragen (z. B. Wie…? Warum…?), derenBeantwortung es erfordert, im Text enthaltene Wörter undgrammatische Strukturen zu reproduzieren oder diese aufalternative Weise auszudrücken. Vertiefende Nachfragenauf die Äußerungen des Kindes halten den bereits initiiertenDialog aufrecht und können etwa dazu anregen, die wieder-gegebenen Inhalte zu vervollständigen oder präziser sprach-lich zu elaborieren.
Die durch Fragetechniken stimulierten sprachlichenÄußerungen der Kinder bieten der Förderkraft zumeinen die Gelegenheit, den Sprachgebrauch konsequentzu loben und zu verstärken, um ihnen Zutrauen in dieeigene sprachliche Ausdrucksfähigkeit zu vermitteln. Zumanderen ermöglichen sie der Förderkraft, diese Äußerungengezielt zu modellieren. Die Modellierungstechnikenumfassen
umfassen neben der lobenden Wiederholung korrekter Verbalisierungen gezielte Ergänzungen (Expansion) sowieunterstützende bzw. korrektive Modellierungen bei Fehlern(recasts). So greift die Förderkraft Äußerungen des Kindeswiederholend auf und ändert diese gegebenenfalls gering-fügig ab, um die verwendeten Wörter zu festigen undgrammatische Strukturen salient zu machen. Bei sprachlichunkorrekten Äußerungen wird auf eine explizite, tadelndeBenennung von Fehlern (z. B. „Es heißt nicht Teppe,sondern Treppe!“) verzichtet. Stattdessen werden dieÄußerungen aufgegriffen und in korrigierter Form wieder -holt, eventuell etwas erweitert und zum Anlass für weitereNachfragen genommen. So könnte eine Förderkraft auf dieAussage „Teppe nunterfallt!“ beispielsweise erwidern: „Ja,genau! Die Puppe ist die Treppe hinuntergefallen! Warumist sie denn die Treppe hinunter gefallen?“.
Da die genannten Modellierungstechniken direkt anden sprachlichen Äußerungen des Kindes ansetzen, ent-faltet sich der anschließende Dialog jeweils ausgehendvom individuellen Entwicklungsniveau des Kindes. DieÄußerungen des Kindes stellen gleichsam das Grund-gerüst dar, das im gemeinsamen Dialog weitergebaut undausgestaltet wird.
Hierbei werden durch die Modellierungim Idealfall Reize gesetzt, die in der Zone der nächstenEntwicklung (Vygotskij 1934) liegen und die die weitereSprachentwicklung optimal stimulieren
Wie bereits erwähnt, spielen neben den spezifischsprachbezogenen Interaktionsprinzipen auch allgemeinemotivationspsychologische Aspekte eine wichtige Rolle.Hierzu zählen .......................... der kindlichenÄußerungen, die Beachtung der Interessen des Kindes undnicht zuletzt eine ....................... Gestaltung der Förder-situation
Lob und Bekräftigung
unterhaltsame
Die Wirksamkeit des dialogischen Lesens wurde zunächstim Kontext der elterlichen Vorlesesituation mit Klein-kindern im Alter von zwei bis drei Jahren untersucht.
substanziell größere sprachliche Kompetenzzuwächse, als eine Kontrollgruppe, in der dieEltern gemäß ihren üblichen Gewohnheiten vorlesen(Whitehurst et al. 1988; Whitehurst et al. 1994).
Erfolgreich im Klein-gruppenformat in Kindergärten und Tagesstätten sowie als Maßnahme innerhalb des Head Start Programms 1 eingesetzt(vgl. Lonigan und Whitehurst 1998; Whitehurst et al. 1994;Whitehurst et al. 1999).
Neben Normalstich-proben wurden auch für Risikokinder sowie für Kinder mit Hörschädigungen positive Effekte gefunden
--> Erweiterung des Wort-schatzes, Zugewinne in der mittleren Äußerungslänge(mean length of utterances; MLU) beziehungsweise inden morphologisch-syntaktischen Fähigkeiten bis hin zuverbesserten schriftsprachlichen Vorläuferkompetenzen(vgl. Mol et al. 2008; Mol et al. 2009).
Einschränkend istjedoch festzuhalten, dass das dialogische Lesen in vielenStudien nicht isoliert eingesetzt wurde, sondern mitanderen Maßnahmen kombiniert war
Für den deutschen Sprachraum waren lange Zeit keineUntersuchungen verfügbar
Ennemoser und Kollegen (2013) konnten in einerersten Studie zeigen, dass Migrantenkinder, die auf-grund mangelnder Sprachkenntnisse von der Einschulungzurückgestellt worden waren, bereits nach wenigen Förder-sitzungen vom dialogischen Lesen profitieren. Dabeiwurde eine Trainingsgruppe, die nach den Prinzipiendes dialogischen Lesens gefördert wurde, mit einer parallelisierten Kontrollgruppe verglichen, die in derselbenZeit konventionell angebotene Sprachfördersitzungenabsolvierte (hessische Vorlaufkurse). Die Trainingsgruppeerzielte im Untersuchungszeitraum signifikant größereLeistungszuwächse in den durchgeführten Sprachtestsals die Kinder der Kontrollgruppe. massiv von der realisierten (perVideoanalyse erfassten) Durchführungsqualität abhängen und dass zur Sicherung langfristiger Erfolge größere Bemühungen in die Qualifizierung der Förderkräfte investiert werden müssen.
Bereits als Neugeborene nehmen wir unsere Umweltnicht nur passiv wahr, sondern beginnen unmittelbar,die Eindrücke und Beobachtungen in unserer Umweltzu strukturieren. Als Motor fungiert dabei eine intuitiveStrategie des Vergleichens (Klauer 1989).
Vergleiche ermöglichen es uns, Ähnlichkeiten undUnterschiede zu entdecken und daraus Annahmenüber Regelhaftigkeiten abzuleiten. Sie dienen dazu,Wissen nicht lediglich unsystematisch anzuhäufen,sondern es zu organisieren und strukturieren.
--> induktives Denken
Unter präventiven Gesichtspunkten ist das induktiveDenken von besonderem Interesse, weil
es grundlegendeStrategien und Verarbeitungsprozesse umfasst, die in sehrvielen Lernbereichen und bei verschiedensten Problem-stellungen anwendbar sind. Sie versetzen den Lernendenin die Lage, auch neuartige Probleme zu lösen, indem Ana-logien zu bereits Bekanntem hergestellt und entsprechendeErkenntnisse und Strategien auf das jeweils aktuelleProblem angewendet werden.
Es steht außer Frage, dass das induktive Denkenfür den Bildungserfolg von sehr großer Bedeutung ist.Diese Bedeutung ist auch daran abzulesen, dass das
induktive Denken eine zentrale Komponente in etabliertenIntelligenzmodellen darstellt (im Sinne eines „allgemeinen“Intelligenzfaktors bzw. des g-Faktors nach Horn und Cattell1966). Eine erfolgreiche Förderung des induktiven Denkenssollte demnach eine vergleichsweise breite Wirksamkeiterzielen, das heißt, die durch das Training erzielte Ver-besserung spezieller, induktiver Denkprozesse sollte auchin anderen Bereichen zu verbesserten Lernerfolgen führen(Theorie des paradigmatischen Transfers; Klauer 2011).
die 6 Kernaufgaben des induktiven Denkens
Die Förderung induktiven Denkens ist nicht allein als vor-schulische Präventionsmaßnahme zu betrachten, sondernes werden auch im Grundschulalter und darüber hinausnoch bedeutsame Förderpotenziale gesehen. So gibt esneben dem „Denktraining für Kinder I“ (Klauer 1989),das für Kinder im Alter von fünf bis acht Jahren konzipiertwurde, zwei weitere Programme mit älteren Zielgruppen.Während das „Denktraining für Kinder II“ (Klauer 1991)den Altersbereich zwischen zehn und 13 Jahren abdeckt,richtet sich das „Denktraining für Jugendliche“ (Klauer1993) schließlich speziell an Schüler mit Lernschwierig-keiten im Altersbereich zwischen 14 und 17 Jahren.
Die Trainingsaufgaben der drei Programmversionensind sowohl inhaltlich als auch im Hinblick auf Schwierig-keit und Abstraktionsniveau an die jeweilige Zielgruppeangepasst. Zudem unterscheiden sie sich hinsichtlichder verwendeten Materialkomponenten. Während imDenktraining I vorwiegend mit konkreten Materialienund bildlichen Darstellungen gearbeitet wird, ent-halten die Programmversionen für ältere Kinder zugleichen Teilen verbale, numerische sowie figurale Auf-gaben (7 Kap. 17, Fries und Souvignier in diesem Band).Davon abgesehen sind die Programme im Wesentlichenidentisch strukturiert. Die Durchführung kann sowohlals Einzelförderung als auch paarweise oder im Rahmeneines Gruppentrainings erfolgen. Im Verlauf von zehn45-minütigen Sitzungen werden insgesamt je 120 Aufgabenaus den sechs beschriebenen Aufgabenklassen bearbeitet.Für die einzelnen Sitzungen sind bestimmte inhaltlicheSchwerpunkte vorgesehen, um einen schrittweisen Auf-bau und eine zunehmend flexiblere Anwendung der ver -mittelten Strategien zu gewährleisten. Dieser Aufbau erfolgtin drei Phasen. In den ersten Sitzungen wird zunächst dieGrundstruktur der Aufgabenklassen erarbeitet und eswerden die Begriffe Eigenschaft und Beziehung eingeführt.Anschließend bildet die Einübung metakognitiver Kontroll-strategien einen Schwerpunkt. Das heißt, ergänzend zuden induktiven Strategien werden Strategien eingeübt,die darauf abzielen, die eigenen Problemlöseversuche zuplanen, zu überwachen und zu regulieren. Dies geschiehtanhand der Leitfragen: 1) „Was ist gesucht?“ 2) „Was kannich tun, um die Lösung zu finden? 3) Wie kann ich meineLösung kontrollieren?“ In den letzten Sitzungen liegt derSchwerpunkt schließlich auf der Festigung und Auto-matisierung sowie der flexiblen Anwendung des Gelernten. Unabhängig von den jeweiligen Schwerpunkten sollen injeder Sitzung 12 Aufgaben aus allen sechs Aufgabenklassenbearbeitet werden. Generell steht dabei weniger das Ergeb-nis beziehungsweise die jeweilige Lösung als vielmehr dieangewendete Lösungsstrategie im Fokus. So soll im Verlaufdes Trainings zunehmend deutlich werden, dass die ver-mittelten Strategien nicht nur bei der konkret vorliegenden Aufgabe zielführend sind, sondern dass die Vorgehensweisesystematisch auf sehr viele verschiedene Problemstellungenangewendet werden kann. Um die Lösungsstrategien zu ver-innerlichen und deren Übertragbarkeit auf andere Problem-stellungen zu erkennen, spielt die explizite Verbalisierungder jeweiligen Vorgehensweise eine große Rolle. Dieswird im Training durch die Methode der verbalen Selbst-instruktion gezielt unterstützt (Meichenbaum undGoodman 1971). Hierbei fungiert die Förderkraft zunächstals Modell, indem sie eine Lösungsstrategie anwendet unddie Vorgehensweise laut kommentiert. Anschließend soll dasKind die Durchführung und die begleitende Verbalisierungschrittweise selbst übernehmen (sich sozusagen „selbstinstruieren“) und so zunehmend in die Lage versetztwerden, seine Problemlöseversuche eigenständig zu planenund zu regulieren. Leistungsstärkere Kinder, bei deneneine Modellierung durch die Förderkraft nicht erforder-lich ist, können ihre Vorgehensweise auch direkt begleitendverbalisieren (Methode des lauten Denkens) oder diese imNachhinein kommentieren (Selbstreflexion). Der Förder-person kommt im Wesentlichen die Rolle zu, den Lösungs-prozess durch gezielte Fragen zu unterstützen (Methode des„gelenkten Entdeckenlassens“).
Evaluationsstudien zur Wirksamkeitvon Denktrainings
Die Wirksamkeit der oben beschriebenen Programme zurFörderung des induktiven Denkens wurde in zahlreichenStudien überprüft. Eine Meta-Analyse von Klauer und Phye(2008), die auf den Ergebnissen von 74 Evaluationsstudienbasiert, liefert vergleichsweise eindrucksvolle Belege fürdie Effektivität der drei Denktrainings. Die Wirksamkeitspiegelte sich nicht nur in den Ergebnissen von Intelligenz-tests wider (die einen substanziellen Anteil an induktivenDenkaufgaben enthalten), sondern es konnten darüberhinaus auch substanzielle Transfereffekte auf schulischeLernleistungen in verschiedenen Inhaltsbereichen registriertwerden. Die vergleichsweise breiten Transferwirkungenbelegen zugleich die Annahme, dass die trainierteninduktiven Denkprozesse tatsächlich ihren Niederschlagin vielen anderen Lernbereichen finden. Interessanterweisefielen diese Transfereffekte mit einer Effektstärke von knapp0.7 Standardabweichungen sogar noch größer aus als dieEffekte auf die Intelligenz, die etwa eine halbe Standard -abweichung betrugen. Zudem deuten die Befunde daraufhin, dass die gefundenen Effekte tatsächlich nachhaltig sindund im Falle der Intelligenz nach Abschluss des Trainingssogar geringfügig weiter zunehmen. Wie aus einer Studievon Möller und Appelt (2001) hervorgeht, können die lang-fristigen Effekte durch eine Auffrischung der gefördertenStrategien (sog. Booster-Sitzung) sieben Monate nachAbschluss der Trainingsphase weiter verbessert werden.
Förderung von Vorläuferfertigkeitendes Schriftspracherwerbs
Zum Schulanfang bringen Kinder unterschiedliche Fähig-keiten mit, die für den Erwerb der Lese- und Recht-schreibkompetenz bedeutsam sind. Sie verfügen bereitsim Vorschulalter über sprachliche, auditive, visuelle undmotorische Fähigkeiten, auf die beim späteren Lesen-und Schreibenlernen zurückgegriffen werden muss. EineSchlüsselrolle kommt dabei der Einsicht in die Lautstrukturder Sprache zu, der sogenannten phonologischen Bewusst-heit (Wagner und Torgesen 1987). Damit gemeint ist dieFähigkeit, den sprachlichen „Lautstrom“ in kleinere Ein-heiten zerlegen und mit diesen Einheiten operieren zukönnen. Sie äußert sich beispielsweise darin, dass ein KindReime erkennen, Wörter in Silben untergliedern oder einzelnvorgesprochene Laute zu einem Wort zusammenziehenkann. Genau genommen handelt es sich also um eine meta-sprachliche Fähigkeit, da sie sich nicht auf den semantischenGehalt (die Bedeutung) sprachlicher Äußerungen bezieht,sondern allein auf formale Aspekte, nämlich das Wissen überdie lautliche Struktur der Sprache.Die unter den Begriff der phonologischen Bewusstheitgefassten Fähigkeiten entwickeln sich – mit gewissen Ein-schränkungen – bereits vor dem Schuleintritt und habennachgewiesenermaßen einen substanziellen Einfluss aufden späteren Schriftspracherwerb in der Schule (Ennemoseret al. 2012). Insofern gilt die phonologische Bewusstheit alsgrundlegende Voraussetzung für den Erwerb unseres alpha-betischen Schriftsystems, weshalb sie auch als spezifische Vorläuferfertigkeit des Schriftspracherwerbs bezeichnetwird.
In der Forschung wurden bereits früh Hinweise daraufgefunden, dass metasprachliche Fähigkeiten wie die phono-logische Bewusstheit mit dem Lesen- und Schreibenlernenin Verbindung stehen. Sowjetische Psychologen wiesenbereits in den 1960er-Jahren auf Zusammenhänge zwischen
der Fähigkeit, Wörter in Laute zerlegen zu können, und derspäteren Leseleistung hin (Zhurova 1963; Elkonin 1963).Auch ältere, in der ehemaligen DDR entwickelte Förder-ansätze zur Überwindung von Lese-Rechtschreib-Schwierig-keiten basierten schon auf der Annahme, dass Probleme imSchriftspracherwerb primär auf mangelnden Fähigkeiten derLautanalyse, -artikulation und -unterscheidung beziehungs-weise einer Lautdifferenzierungs- und Wortaufgliederungs-schwäche basieren
Allerdings wurde die Annahme, dass es sich bei derphonologischen Bewusstheit um eine Vorläuferfertigkeitdes Schriftspracherwerbs handelt, im Forschungsverlaufauch angezweifelt.
In den betreffenden Arbeiten wurdeargumentiert, dass sich die phonologische Bewusstheit erstdurch die Auseinandersetzung mit dem alphabetischenSchriftsystem entwickelt und somit eher eine Folge als eineUrsache für den ungestörten Schriftspracherwerb sei (z. B.Morais et al. 1979). Der vermeintliche Widerspruch konntedurch eine differenziertere Betrachtung der phonologischenBewusstheit aufgelöst werden. So wird nun unterschiedenzwischen der phonologischen Bewusstheit im weiterenSinne und der phonologischen Bewusstheit im engerenSinne (Skowronek und Marx 1989).
Einteilung der phonologischen Bewusstheit nachSkowronek und Marx (1989):
Mit Blick auf das oben angesprochene Henne-Ei-Problemwird heute davon ausgegangen
dass sich die phono-logische Bewusstheit im weiteren Sinn grundsätzlichauch ohne spezielle Schriftsprachinstruktion im Kinder-gartenalter entwickelt. Sie bezieht sich lediglich auf dieVerarbeitung natürlicher, bedeutungstragender sprach-licher Einheiten, die keinerlei Einsicht in das (abstrakte)alphabetische Schriftsystem erfordern. Die Entwicklungder phonologischen Bewusstheit im weiteren Sinn gehtdem Schriftspracherwerb voraus und kann somit tatsäch-lich als Voraussetzung beziehungsweise als Vorläufer-fertigkeit für das Lesen- und Schreibenlernen bezeichnetwerden.
Demgegenüber erfordert die phonologische Bewusstheit im engeren Sinn
den Umgang mit Phonemen,also mit abstrakten sprachlichen Einheiten, die keinebedeutungstragende (sondern lediglich eine bedeutungs-unterscheidende) Funktion haben. Grundsätzlich kannsich zwar auch diese Fähigkeit bereits vor dem Schrift-spracherwerb herausbilden; im Allgemeinen geschieht diesjedoch lediglich rudimentär. Der größte Entwicklungs-schub erfolgt erst mit der Einführung in das alphabetischePrinzip. Die gelernten Buchstaben stehen nun als externeRepräsentanten für bestimmte Phoneme zur Verfügung(Buchstabe-Laut-Verknüpfung). Durch die Verknüpfungeines Buchstabens mit dem zugehörigen Laut wird es für dieKinder leichter, das betreffende Phonem als abstrakte, ausdem Sprachfluss heraus isolierbare Einheit zu begreifen undes beispielsweise in einem gehörten Wort zu identifizieren.Die phonologische Bewusstheit im engeren Sinne entwickeltsich also erst im Wechselspiel mit der expliziten Schrift-sprachinstruktion (Küspert et al. 2007; Schneider 1997)
Für die Mobilisierung der in der phonologischenBewusstheit liegenden Förderpotenziale hatdas Wechselspiel mit der Buchstabeninstruktionweitreichende Konsequenzen, denn es macht deutlich,dass eine Förderung der phonologischen Bewusstheit(im engeren Sinne) sinnvollerweise an die Vermittlungvon Buchstabenkenntnissen gekoppelt werden sollte.
Dies wird auch durch Befunde zur phonologischen Ver-knüpfungshypothese bestätigt, aus denen hervorgeht,dass die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Förderungder phonologischen Bewusstheit durch die Verknüpfungmit einem Buchstaben-Laut-Training deutlich verbessertwerden kann (Hatcher et al. 1994; Schneider et al. 2000).
Präventive Potenziale der phonologischen Bewusst-heit und ihre Grenzen
In den letzten Jahrzehnten sind zahlreiche Forschungs-arbeiten publiziert worden, die sich mit der Bedeutung derphonologischen Bewusstheit befassen. Durch diese starkeFokussierung ist allerdings etwas aus dem Blick geraten,dass die in der phonologischen Bewusstheit liegendenPräventionspotenziale für den Schriftspracherwerb auchklare Grenzen haben. Diese Grenzen werden besondersdeutlich, wenn man sich zunächst vor Augen führt,welche kognitiven Prozesse (später in der Schule) amsinnentnehmenden Lesen eines Textes beteiligt sind, undanschließend analysiert, welche dieser Prozesse durch einegute phonologische Bewusstheit begünstigt werden. Auseiner solchen Analyse des Wirkmechanismus lässt sichtheoretisch differenziert ableiten, wo genau die Förder -potenziale der phonologischen Bewusstheit liegen – undwo sie an ihre Grenzen stoßen, sodass gegebenenfalls eineErgänzung durch andere Maßnahmen sinnvoll ist.
Im Erstunterricht geht es zunächst um den Erwerbbasaler Lesefertigkeiten;
das Verstehen von Texten stehthier noch im Hintergrund. Zu diesem Zeitpunkt bestehendie zentralen Herausforderungen etwa darin, eine vor-gegebene Buchstabensequenz (d. h. ein geschriebenes Wort) in eine lautliche Entsprechung zu übersetzen.Dieser Vorgang, der als phonologische Rekodierungbezeichnet wird, erfordert den Abruf gelernter Buchstabe-Laut-Beziehungen sowie das „Zusammen-schleifen“ der durch die vorliegende Buchstabensequenzrepräsentierten Einzellaute (phonologische Bewusstheit).Das resultierende Klangbild kann dann mit dem mentalenLexikon abgeglichen werden, wodurch – sofern eineÜbereinstimmung mit einem bekannten Wort gefundenwird – der Zugriff auf die Wortbedeutung erfolgenkann (Dekodierung). In diese basalen Leseprozesse desRekodierens und Dekodierens ist die phonologischeBewusstheit unmittelbar involviert, das heißt, sie hat einendirekten Einfluss auf die Effizienz dieser Prozesse.
Auf indirektem Wege nimmt die phonologischeBewusstheit damit auch Einfluss auf Verstehensprozesseoberhalb der Wortebene
(z. B. Bildung lokaler undglobaler Kohärenz, Aufbau eines Situationsmodells; vgl.van Dijk und Kintsch 1983). Denn insbesondere in frühenErwerbsphasen beeinflusst die Effizienz basaler Dekodier -fertigkeiten das Leseverstehen noch maßgeblich (Perfetti1985). Eine Schlüsselrolle nimmt hierbei das Arbeits-gedächtnis ein. Der anfänglich mühevolle Vorgang derphonologischen Rekodierung stellt eine große Belastungfür das Arbeitsgedächtnis dar, sodass nur begrenzteRessourcen für das Leseverstehen zur Verfügung stehen.Wenn der Rekodiervorgang durch eine gute phonologischeBewusstheit erleichtert wird, werden Arbeitsgedächtnis-ressourcen für hierarchiehöhere Verstehensprozesse frei-gesetzt, was letztlich in einem besseren Leseverständnisresultiert
Obwohl die phonologische Bewusstheit also (lediglich)basale Leseprozesse beeinflusst, nimmt sie doch einen –wenn auch nur indirekten – Einfluss auf das Leseverständ -nis.
Dennoch greift ein rein phonologisch orientierterPräventionsansatz speziell im Hinblick auf die lang-fristige Leseverständnisentwicklung zu kurz. Diese Ein-schätzung lässt sich mit dem „Simple View of Reading“begründen (Gough und Tunmer 1986; Hoover und Gough1990), dem zufolge das Leseverständnis ein Produkt ausDekodierfertigkeit und Hörverstehen ist. Das heißt, sobalddie Dekodierfertigkeiten hinreichend automatisiert sind(einzelne Wörter also zügig und ohne größere Mühenerlesen werden können), stellen sie keinen leistungs-limitierenden Faktor mehr dar. Stattdessen gewinnt nundas das Hör- beziehungsweise Sprachverständnis eineimmer größere Bedeutung. Genau genommen stellt dasHörverstehen bereits von Anfang an die Obergrenze fürdas Leseverstehen dar (Marx und Jungmann 2000). Dermaßgelbliche Einfluss des Hörverstehens kann jedochanfänglich noch gar nicht sichtbar werden, da mit demSchuleintritt zunächst einmal – notwendigerweise –der Erwerb des schriftsprachlichen Symbolsystems unddamit basaler Dekodierfertigkeiten im Vordergrund steht
Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus für diePotenziale phonologisch orientierter Fördermaßnahmenziehen?
Trainings der phonologischen Bewusstheiterleichtern den Einstieg in den Schriftspracherwerb. Siebegünstigen den Erwerb des alphabetischen Prinzipsund damit insbesondere basale Prozesse der phono-logischen Rekodierung und des Dekodierens. Vor allemin frühen Erwerbsphasen sollte sich dies auch in ver-besserten Leseverständnisleistungen niederschlagen. Mitstetig wachsenden Dekodierfertigkeiten sollte sich dieserEffekt jedoch zunehmend erschöpfen, da dann nicht mehrdie Effizienz des Dekodierens, sondern das vorhandeneSprachverständnis den leistungslimitierenden Faktor dar-stellt. Im ungünstigen Fall ist ein Kind nun zwar in derLage Wörter flüssig zu dekodieren, das Textverständnisbleibt aber dennoch auf einem unzureichenden Niveau,weil das hierfür erforderliche Sprachverständnis fehlt. Wenn durch präventive Maßnahmen nachhaltig bessereAusgangsbedingungen für die Leseverständnisentwicklungin der Schule geschaffen werden sollen, muss demnachneben der phonologischen Bewusstheit auch die all-gemeine Sprachkompetenz beziehungsweise das Hörver-stehen gezielt gefördert werden.
Analog gelten diese Überlegungen für die Schreib-kompetenz.
Auch hier beschränkt sich das Einflusspotenzialder phonologischen Bewusstheit auf den Erwerb desabstrakten schriftsprachlichen Symbolsystems. Dies befähigtzwar zur „Übersetzung“ von sprachlich formuliertenInhalten in die Schriftsprache und erfüllt damit zweifelloseine außerordentlich wichtige Funktion. Es ersetzt jedochnicht die Notwendigkeit einer angemessenen sprachlichenAusdrucksfähigkeit beziehungsweise der hierfür erforder-lichen lexikalischen und morphologisch-syntaktischenKompetenzen
Einflüsse von phonologischer Bewusstheit vs. allgemeiner Sprachkompetenz auf das spätere Leseverständnis
Förderung von phonologischer Bewusstheit
Das Förderprogramm „Hören, lauschen, lernen“ (HLL;Küspert und Schneider 2006) wurde in Anlehnung an einskandinavisches Training entwickelt, das sich zuvor imRahmen einer viel beachteten Interventionsstudie empirisch bewährt hatte (Lundberg et al. 1988). Das Training wird imletzten Kindergartenjahr durchgeführt und umfasst täg-liche Fördersitzungen über einen Zeitraum von 20 Wochen.Das Programm besteht aus spielerischen Übungen zubeiden Bereichen der phonologischen Bewusstheit, diesystematisch aufeinander aufbauen (. Abb. 16.4). In denersten Wochen stehen zunächst verschiedene Spiele zurphonologischen Bewusstheit im weiteren Sinn (Reimen,Sätze und Wörter, Silben) auf dem Programm, bevor imAnschluss die phonologische Bewusstheit im engeren Sinnimmer stärker in den Fokus genommen wird (Anlaut,Phonem). Die vorgeschalteten Lauschspiele dienen dazu,die Kinder für das genaue Hinhören zu sensibilisieren,indem ihre Aufmerksamkeit auf akustische Reize in ihrerUmgebung gelenkt wird.
Fördermaßnahmen Im Bereich phonologische Bewusstheit im weiteren Sinn finden sich
Reimspiele, die den Kindern verdeutlichensollen, dass Wörter klangliche Ähnlichkeiten aufweisenkönnen (sich reimen), was zugleich bedeutet, dass ein Wortin Teile untergliedert werden kann, die sich auch in anderenWörtern wiederfinden (selbst wenn diese Wörter inhaltlichnichts miteinander zu tun haben, z. B. Schnecke – Ecke). InÜbungen zu Sätzen und Wörtern sollen die Kinder unteranderem eine Vorstellung davon erhalten, dass Wörter nicht nur zu Sätzen, sondern auch zu neuen Wörternzusammengesetzt werden (z. B. „Schnee“ und „Mann“ergeben „Schneemann“) und umgekehrt manche Wörter inkleinere Wörter zerlegt werden können („Fußball“ bestehtaus „Fuß“ und „Ball“). In den anschließenden Silbenspielenwird dieses Prinzip fortgeführt, wobei Wörter nun nichtmehr in andere Wörter, sondern in Silben zerlegt und durchmotorische Elemente wie Händeklatschen, Tanzen undMarschieren rhythmisch betont oder künstlich auseinander-gezogene Silben zu Wörtern zusammengesetzt werdensollen (z. B. „Scho-ko-la-de“ zu „Schokolade“).
Die drei Ziele früher schriftsprachlicher Förderung, exemplarisch dargestellt an den Förderprogrammen HLL („Hören, lauschen,lernen“; Küspert und Schneider 2006) und HLL 2 („Hören, lauschen, lernen 2“; Plume und Schneider 2004)
Der Bereich phonologische Bewusstheit im engerenSinn beinhaltet zunächst Übungen
zur Identifikation desAnfangslauts. Hier sind die Kinder herausgefordert, auf-merksam auf den Anfang eines Wortes zu hören, um denersten Laut bestimmen zu können (z. B. Rrrrrreis →/r/).Zudem lernen die Kinder – ähnlich wie bei den Silben –,dass Anfangslaute entfernt oder hinzugenommen werdenkönnen und dass dadurch neue Wörter mit andererBedeutung entstehen (z. B. „rot“ – „B…rot“). Schließlichfolgen die abstrakteren Aufgaben zur Phonemanalyse und-synthese. Hier lauschen die Kinder beispielsweise einemKobold, der – wie ein Roboter – Wörter so ausspricht, alsseien sie in ihre Laute zerlegt (z. B./n/-/a/-/s/-/e/). Die Auf-gabe der Kinder besteht darin, die Einzellaute zu einemWort zu verbinden (Phonemsynthese). Umgekehrt sollendie Kinder Wörter in ihre Einzellaute zerlegen, das heißt,sie in lautierter Form aufsagen und dabei für jeden einzel-nen Laut ein Klötzchen legen (Phonemanalyse).
Förderung der Buchstaben-Laut-ZuordnungUm das Training der phonologischen Bewusstheit – wiein den vorangegangenen Abschnitten gefordert – mitder Vermittlung von Buchstaben-Laut-Zuordnungenzu verknüpfen, kann das Ergänzungsprogramm
Ergänzungsprogramm „Hören,lauschen, lernen 2“ herangezogen werden (HLL 2;Plume und Schneider 2004). Das an eine amerikanischeTrainingskonzeption von Ball und Blachman (1991)angelehnte Programm wird in den letzten zehn Trainings-wochen des HLL in dessen Durchführung integriert (Roth1999). Das Training umfasst nicht das gesamte Alphabet,sondern konzentriert sich auf jene 12 Buchstaben, die imdeutschen Sprachgebrauch am häufigsten vorkommen(A, E, M, I, O, R, U, S, L, B, T, N). Die entsprechenden Buchstabe-Laut-Beziehungen werden in zwei Schritten ver-deutlicht (. Abb. 16.4). Zunächst werden die Buchstabenanhand kurzer Geschichten eingeführt. Diese Geschichtensind allesamt dadurch gekennzeichnet, dass jeweils einbestimmter markanter Laut eine zentrale Rolle spielt, deranschließend von den Kindern nachgeahmt werden soll. Sogeht es beispielsweise um einen Zahnarztbesuch, anlässlichdessen die Kinder laut/aaaaa/sagen müssen. Dem jeweilsfokussierten Laut wird in diesem Zusammenhang auch gleich der entsprechende Buchstabe („A“) zugeordnet.Anschließend lernen die Kinder, dass diese Laute nicht nurisoliert vorkommen, sondern tatsächlich in vielen Wörternenthalten sind. Zu diesem Zweck müssen etwa bildlich dar-gestellte Objekte benannt, der Anlaut des entsprechendenWortes identifiziert und dem richtigen Buchstabenzugeordnet werden. Die umgekehrte Aufgabe besteht darin,Buchstaben bestimmten Objektbildern zuzuordnen, derenBezeichnung mit dem korrespondierenden Anlaut beginnt(z. B. das A dem Apfel). Ziel des ErgänzungsprogrammsHLL 2 ist es also, dass die Kinder das Zuordnungsprinzipzwischen Lauten und Buchstaben erkennen.
Evaluationsstudien zurWirksamkeit der Förderung vonphonologischer Bewusstheit undBuchstaben-Laut-Zuordnung
Die Wirksamkeit von Trainings der phonologischen Bewusst-heit kann als empirisch sehr gut belegt gelten. Zahlreiche Inter-ventionsstudien zeigen, dass die Fördermaßnahmen nicht nureine Verbesserung der phonologischen Bewusstheit bewirken,sondern dass die Fördereffekte auch langfristig in verbessertenSchriftsprachkompetenzen resultieren (z. B. Lundberg et al.1988; Schneider et al. 1997). Insbesondere konnte gezeigtwerden, dass diese Effekte auch bei Risikokindern zum Tragenkommen, die eine schwache phonologische Informationsver-arbeitung und damit eine besonders ungünstige Ausgangslageaufweisen (Schneider et al. 1999, 2000). Eine Förderung derphonologischen Bewusstheit ist demnach nicht nur als primär-sondern auch als sekundärpräventive Maßnahme wirksam undführt zu einem substanziell verminderten Anteil von Kindernmit Lese-Recht-Schreibschwierigkeiten. Allerdings deutendie Befunde auch darauf hin, dass phonologisch orientierteFördermaßnahmen mit einem Buchstaben-Laut-Trainingkombiniert werden sollten, da in diesem Fall mit deutlichgrößeren Effekten zu rechnen ist (Ball und Blachmann 1991; Busund van IJzendoorn 1999; Hatcher et al. 1994; Schneider et al.2000).
Auch für die in der einschlägigen Forschung lange Zeitvernachlässigte Zielgruppe der Migrantenkinder liegeninzwischen ermutigende Befunde vor
(Armand et al. 2004;Stuart 1999, 2004; Blatter et al. 2013; Weber et al. 2007).Grenzen phonologischer Trainings liegen darin, dass sielediglich den Erwerb des schriftsprachlichen Symbol-systems begünstigen, aber naturgemäß nichts dazu bei-tragen können, das Hörverstehen zu verbessern, das – inlangfristiger Perspektive – die letztendliche Obergrenze fürdas Leseverstehen markiert. Frühe Präventionsmaßnahmensollten sich daher nicht lediglich auf eine Förderung derphonologischen Bewusstheit beschränken, sondern sichauch auf die Sprachkompetenz erstrecken.
Förderung mathematischerKompetenzen im Kindergarten und imSchuleingangsbereich
Wie bei der schriftsprachlichen Förderung sollten auchPräventionsmaßnahmen zur mathematischen Kompetenz-entwicklung auf Vorläuferkompetenzen abzielen, dieim Anfangsunterricht mehr oder weniger vorausgesetztwerden, aber eben nicht bei allen Kindern vorhandensind. Das Pendant zur phonologischen Bewusstheit stellenhier Zahl-Größen-Kompetenzen dar, die häufig auch alsmathematische Basiskompetenzen bezeichnet werden.Wenn ein Kind dieses Verständnis zum Schuleintritt nochnicht erworben hat, bringt es ein deutlich erhöhtes Risikofür spätere Rechenschwierigkeiten mit (Krajewski undSchneider 2009a), denn im konventionellen Anfangs-unterricht wird vergleichsweise schnell mit dem Rechnenbegonnen. Das heißt, es werden kaum nennenswerteBemühungen investiert um sicherzustellen, dass die Kindergrundlegende Zahl-Größen-Kompetenzen aufbauen undfestigen konnten. Grundschulkinder mit Schwierigkeitenim Rechnen weisen üblicherweise eine in diesem Sinne ver-zögerte mathematische Entwicklung auf. Sie haben nochnicht verstanden, dass hinter Zahlen Mengen oder Größenstehen (Größenverständnis von Zahlen). Ohne diese Ein-sicht können sie weder Additions- noch Subtraktionsauf-gaben verständnisbasiert lösen und sind folglich auch mitSachaufgaben oder komplexeren Rechenoperationen völligüberfordert. Ziel der Frühförderung sollte es daher sein, dasVerständnis für Zahl-Größen-Verknüpfungen spätestensbis Schulbeginn aufzubauen.
Zahl-Größen-Kompetenzen
bezeichnen dieEntwicklungsschritte auf dem Weg zum Verständnisder Zahlen. Dies umfasst zunächst die bloße Kenntnisvon Zahlwörtern und Ziffern sowie darauf aufbauenddas Verständnis dafür, dass Zahlen Mengen undMengenrelationen – beziehungsweise allgemeinerGrößen und Größenrelationen – repräsentieren (vgl.Krajewski und Ennemoser 2013).
Die Bedeutung von Zahl-Größen-Kompetenzen in der mathematischenEntwicklung
Inzwischen liegen zahlreiche Studien vor, die die Bedeutungder Zahl-Größen-Kompetenzen für das Rechnenlernenbelegen. Sie zeigen unter anderem, dass diese Kompetenzeneine deutlich größere Rolle für die schulischen Mathematik-leistungen spielen als beispielsweise die Intelligenz oder Fähigkeiten des Arbeitsgedächtnisses (z. B. Jordan et al.2010; Krajewski und Ennemoser 2018; Krajewski undSchneider 2006, 2009b; Stern 2003). So konnte etwa in zweiunabhängigen Langzeitstudien mithilfe der im Vorschulaltererfassten Zahl-Größen-Kompetenzen jeweils ein Viertelder Unterschiede in den drei und vier Jahre später erfasstenMathematikleistungen erklärt werden, während Intelligenzoder Arbeitsgedächtnisfähigkeiten keinen direkten Ein-fluss auf die Mathematikleistungen hatten (Krajewskiund Schneider 2006, 2009b). Zahl-Größen-Kompetenzenstellen somit einen wesentlichen Grundpfeiler in dermathematischen Entwicklung und einen potenziellenUrsachenfaktor für die Entwicklung einer Rechenstörungdar. Dennoch existieren in der Literatur unterschiedlicheAuffassungen darüber, wo genau die Ursache von Rechen -störungen zu lokalisieren ist.
Auffassung 1: Defekter angeborenerZahlensinn als Ursache vonRechenschwierigkeiten
Viele Forscher gehen davon aus, dass Kinder bereits dann dieBedeutung von Zahlwörtern verstehen, wenn sie diese erst-malig einzeln aufsagen (z. B. Fuson 1988; Resnick 1989; vonAster und Shalev 2007; Fritz und Ricken 2008; Kaufmannund von Aster 2012). Wiederholt ein Kind beispielsweise dieHandlung seiner Mutter, indem es „drei“ sagt und dabei aufdrei Clementinen zeigt, meint das Kind dieser Auffassungfolgend sofort die Anzahl „drei“ und nicht die Clementinenoder deren andere Eigenschaften. Dementsprechend müssteein Kind im Laufe seiner mathematischen Entwicklunglediglich noch verstehen, dass Zahlen auch für Unterschiede,Veränderungen und Relationen zwischen Mengen stehen(Resnick 1989; Fuson 1988) und zudem ins visuell-arabischeZiffernsystem und in eine innere Zahlenstrahlvorstellungübersetzt werden können (von Aster und Shalev 2007).Dieser Grundgedanke, wonach Kinder Zahlwörter sofortals „Label“ für eine betrachtete Menge erkennen, beruhtauf der Annahme, dass Neugeborene zwischen Stückzahlenunterscheiden können und daher bereits mit einem Sinn fürAnzahlen („Zahlensinn“) zur Welt kommen (z. B. Antell undKeating 1983; Feigenson et al. 2004). Ausschließlich rechen-gestörten Kindern wird hierbei ein angeborener „defekterZahlensinn“ zugeschrieben, der nachfolgend auch zurUnfähigkeit führt, Mengen und Größen in entsprechendeZahlwörter und Ziffern übersetzen zu können undumgekehrt (z. B. von Aster und Shalev 2007; Dehaene et al.2004; Landerl et al. 2004). Nach diesen Modellvorstellungennehmen normal entwickelte Kinder also von Geburt anStückzahlen wahr, die sie aufgrund fehlender Wörter nurnoch nicht benennen können. Mit den später gelernten Zahl-wörtern jedoch (z. B. „drei“, „zwei“) werden die zugehörigenBezeichnungen geliefert, die ein Kind dann sofort problem-los den entsprechenden Stückzahlen (z. B. drei Murmeln,zwei Schachteln) zuordnet.
Auffassung 2: Unzureichend entwickelteZahl-Größen-Verknüpfung als Ursache vonRechenschwierigkeiten
Dem Entwicklungsmodell der Zahl-Größen-Verknüpfung(ZGV-Modell) zufolge basiert die oben beschriebeneAnnahme, dass einzelne Zahlwörter nach dem Erlernensofort entsprechenden Stückzahlen zugeordnet werdenkönnen, auf unzulässigen Kompetenzzuschreibungen,da allein das Aufsagen von Zahlwörtern oder einer Zahl-wortfolge keinesfalls auf ein vorhandenes Zahlverständnisschließen lasse (Prinzip der minimalistischen Kompetenz-zuschreibung; Krajewski und Ennemoser 2013). Anstelleeines angeborenen Zahlensinns wird hier postuliert, dassjedes Kind den „Zahlensinn“ und das Verständnis dafür,dass Stückzahlen und Größen mit (Zahl-)Wörtern belegtwerden können, erst erwerben muss. Den Erwerbsver-lauf beschreibt das Modell über drei Kompetenzebenen,die durch eine zunehmende Verknüpfung von Zahlenmit Größen und Größenrelationen charakterisiert sind(7 Exkurs „Entwicklungsmodell der Zahl-Größen-Verknüpfung(ZGV-Modell; Krajewski 2007, 2013)“; . Abb. 16.5). Defizitein dieser – potenziell von außen steuerbaren – Entwicklungwerden als Ursache von Rechenstörungen gesehen. DenAusgangspunkt dieses Ansatzes bilden Studien, die einenangeborenen „(An-)Zahlensinn“ in Zweifel ziehen und nahelegen, dass Säuglinge zwar zwischen Flächen und Volumenvon Mengen, nicht aber zwischen Stückzahlen differenzierenkönnen (z. B. Clearfield und Mix 1999; Feigenson et al. 2002).Das ZGV-Modell geht also davon aus, dass ein Zahlen-sinn (bzw. ein „Zahldefekt“) nicht angeboren ist, sondernsich im natürlichen Entwicklungsverlauf erst heraus-bildet. Damit eröffnet es einen Ansatzpunkt für präventiveFördermaßnahmen, der in der Forschung aufgrund allzuoptimistischer Kompetenzzuschreibungen lange Zeit völligübersehen wurde (und in Teilen auch heute noch über-sehen wird). Denn anders als bei Annahme eines angeboren„defekten Zahlensinns“ lässt sich daraus die Möglichkeit ableiten, die Entwicklung eines Zahlensinns systematisch zufördern und so der Entstehung von Rechenschwierigkeitenvorzubeugen.
Möglichkeiten einereffektiven Förderung vonZahl-Größen-KompetenzenEine frühzeitige entwicklungsorientierte Förderungvon Zahl-Größen-Kompetenzen sollte zunächst entlangder im ZGV-Modell beschriebenen Entwicklungsebenengeschehen.Entwicklungsorientierte Förderung von Zahl-Größen-Kompetenzen
Wie . Abb. 16.5 zeigt, sollten hierbei zunächst sprach-liche Begriffe thematisiert werden, mit denen Unterschiedezwischen Größen beschrieben werden können (Ebene 1).Anfangs sind dies insbesondere die Begriffe größer/kleiner/länger/kürzer/mehr/weniger als. Darüber hinaus sollte mitden Kindern frühzeitig die Zahlwortfolge eingeübt werden(Ebene 1). Dies sollte idealerweise so gut gelingen, dass dieKinder diese nicht nur vorwärts („eins, zwei, drei, …“) undrückwärts („zehn, neun, acht, …“) aufsagen können. Viel-mehr sollten sie auch zu einem beliebigen Zahlwort (z. B.„vier“) problemlos das Nachfolger- („fünf“) oder Vor-gängerzahlwort („drei“) finden können. So wird sicher -gestellt, dass ein Kind die einzelnen Zahlwörter als separateEinheiten wahrnimmt (z. B. „vier, fünf, sechs“) und nichtmiteinander vermengt (z. B. zum vermeintlich dreisilbigenZahlwort „vierfünfsechs“). Diese Entwicklung scheint auchdurch eine gut ausgeprägte phonologische Bewusstheitim weiteren Sinn unterstützt zu werden (Krajewski et al.
Die Förderung der Größenrepräsentation von Zahlen(Ebene 2) sollte zunächst über die Zuordnung von Zahl-wörtern beziehungsweise Ziffernzahlen zu abzählbarenMengen erfolgen (z. B. „drei“ steht für ▄ ▄ ▄, . Abb. 16.5).Wenn Kindern dies gelingt, kann sich der Größenvergleichvon (An-)Zahlen anschließen (z. B. „drei sind weniger alsfünf“). Bevor schließlich zu Ebene 3 übergegangen werdenkann, sollte sichergestellt sein, dass die Kinder sprachlicheBegriffe, die für die Beschreibung von Größenrelationenwichtig sind (z. B. „sind zusammen genauso viel/groß/langwie“), sicher verwenden. So kann die Förderung schließlichdarauf zielen, den Kindern bewusst zu machen, dass eine(An-)Zahl nicht nur in kleinere (An-)Zahlen zerlegt und ausdiesen wieder zusammengesetzt werden kann (z. B. „dreiund zwei sind zusammen genauso viele wie fünf“), sonderndass auch der Unterschied zwischen zwei Zahlen wiedereine Zahl ist und dass diese Zahl den Größenunterschiedzwischen den beiden anderen Zahlen exakt angibt (z. B.„drei sind zwei weniger als fünf“; Ebene 3).
Entwicklungsmodell der Zahl-Größen-Verknüpfung (ZGV-Modell; Krajewski 2007, 2013)
Einfluss phonologischer Bewusstheit auf die mathematische Entwicklung
Die Bedeutung geeigneter Darstellungsmittel
Im Rahmen der Förderung ist es wichtig, die zuerkennenden Größenverhältnisse von Zahlen hinreichendsalient zu machen. Dies gilt insbesondere für Kinder mitSchwächen im Bereich der Aufmerksamkeitsregulationund des Arbeitsgedächtnisses. Aus diesem Grund ist einesorgfältige Auswahl der Darstellungsmittel für die Zahlenerforderlich.
> Die Veranschaulichung der Zahlen sollte idealerweiseanhand von Mengen erfolgen, die aus gleichenElementen bestehen. Diese sollten sich durch nichtsunterscheiden als allein durch ihre Anzahl (Krajewskiund Ennemoser 2013).
Wie die Veranschaulichungen in . Abb. 16.5 zeigen,korrespondieren dargestellte Mengen (z. B. drei vs. fünfRechtecke) nur dann exakt mit der Flächen- oder Volumen-ausdehnung beziehungsweise der „Größe“ der jeweiligenZahlen, wenn alle einzelnen Elemente der Mengenidentisch und damit gleich groß sind (hier z. B. Recht-ecke: ▄ ▄ ▄ vs. ▄ ▄ ▄ ▄ ▄). Nur in diesem Fall gibt dieFlächen- oder Volumenausdehnung der einzelnen Stück-zahlen auch das exakte Größenverhältnis der beiden zu ver-gleichenden Zahlen wieder. Dies stellt ein sehr wichtigesPrinzip dar, um Kindern im wörtlichen Sinne Einsicht indie Größenverhältnisse der Zahlen und damit in die Zahl-Größen-Verknüpfung (Ebene 2) sowie die Größenrelationenzwischen Zahlen (z. B. drei sind zwei weniger als fünf; Ebene3) zu ermöglichen. Dennoch finden sich für den Kinder-garten-, Vorschul- und Schuleingangsbereich nur wenigeMaterialien für die Beschäftigung mit Zahlen, die diesemPrinzip folgen. Die Auffassung, dass derart strukturiertesMaterial langweilig, nicht abwechslungsreich genug unddamit nicht kindgerecht sein könnte, führt dazu, dass dieMaterialien tatsächlich nicht kindgerecht, weil nicht an derkindlichen Entwicklung orientiert sind (7 Exkurs „Beispielfür irreführende Darstellungsmittel“).
Beispiel für irreführende Darstellungsmittel
Anforderungen an mathematischePräventionsmaßnahmenZusammenfassend lassen sich folgende vier Anforderungenan eine mathematische Frühförderung ableiten (vgl.Krajewski und Simanowski 2017).
von Zahlen in der Förderung nicht nur sehen können,sondern diesen auch bewusst wahrnehmen, ver-arbeiten und verstehen, ist es notwendig die zentralennumerischen Inhalte auch sprachlich benennen zulassen. So sollten Verbalisierungen wie beispielsweise„[Zahlwort] ist größer/kleiner als [Zahlwort]“, „[Zahl-wort] sind mehr/weniger als [Zahlwort]“ oder „[Zahl-wort] sind genauso viele wie [Zahlwort] und [Zahlwort]zusammen“ in der Förderung explizit verwendet werden.
Evaluationsstudien zurWirksamkeit der Förderung vonZahl-Größen-KompetenzenEs gibt einige Programme, die vereinzelte Aspekte der obendargestellten Entwicklung von Zahl-Größen-Kompetenzenfördern.
In aller Regel werden jedoch die hierbei genanntenAnforderungen nicht umfänglich beachtet. Zudem schließendie empirischen Wirksamkeitsuntersuchungen – sofern vor-handen – neben ungeförderten Kontrollgruppen keine alter-nativ trainierten Kontrollgruppen ein, anhand derer sichZuwendungseffekte kontrollieren und die tatsächlich auf dasTraining zurückzuführenden Effekte quantifizieren ließen(z. B. „Zahlenzauber“, Clausen-Suhr et al. 2008; „Komm mitins Zahlenland“, Friedrich und Munz 2006).Ein pädagogisch-psychologisches Programm, das dieoben beschriebenen drei Kriterien hingegen erfüllt undin kontrollierten Trainingsstudien umfassend empirischevaluiert wurde, ist das Förderprogramm „Mengen,zählen, Zahlen“ (MZZ; Krajewski et al. 2007). Es orientiertsich am ZGV-Modell und baut unter Rückgriff auf dieZahlwortfolge (Ebene 1) systematisch zunächst eineGrößenrepräsentation von Zahlen (Ebene 2) auf, bevores auf das Verständnis von Zahlrelationen (Ebene 3) zielt.Hierfür werden Darstellungsmittel verwendet, die für alleZahlen gleich sind (z. B. Chips, Holzklötze), sodass sich diedargestellten Mengen für unterschiedliche Zahlen nur inihrer Anzahl und – damit exakt korrespondierend – in ihrerräumlichen Ausdehnung voneinander unterscheiden. Beider Beschäftigung mit den Materialien wird großer Wertdarauf gelegt, dass die Kinder ihre Erkenntnisse über dieZahlen auch verbalisieren (z. B. fünf sind [zwei] mehr alsdrei; von einer zur nächsten Zahl kommt immer eins dazu).Das Programm wird in 24 etwa halbstündigenSitzungen über acht Wochen durchgeführt. Es hat sich fürdie Förderung der Zahl-Größen-Kompetenzen im letztenKindergartenjahr (Krajewski et al. 2008), in Vorklassen(Ennemoser 2010; Hasselhorn und Linke-Hasselhorn2013) und bei Risikokindern in der ersten Klasse bewährt(Ennemoser und Krajewski 2007; Ennemoser et al. 2015).Inzwischen liegen auch für Lernhilfeschüler sowie fürSchüler mit einer geistigen Behinderung erste ermutigendeHinweise vor (Kuhl et al. 2012; Sinner und Kuhl 2010).In der ersten Studie legten Vorschulkinder, die mit MZZtrainiert wurden, kurz- und langfristig deutlich mehr inihrer numerischen Entwicklung zu als eine Kontrollgruppe ohne Förderung sowie zwei Gruppen von Kindern, die einallgemeines Denktraining oder eine andere mathematischeFörderung erhalten hatten (Krajewski et al. 2008). Darüberhinaus zeigten sich bei einer MZZ-Förderung von rechen-schwachen Erstklässlern beachtliche Transfereffekte aufdie Mathematikleistungen der Kinder, die weder durchein Lesetraining (Ennemoser und Krajewski 2007) nochdurch ein allgemeines Denktraining (Sinner 2011) erreichtwerden konnten. Zeitverzögert auftretende, langfristigeTransfereffekte auf die schulischen Mathematikleistungendeuten darauf hin, dass durch eine Förderung mit demProgramm „Mengen, zählen, Zahlen“ zunächst Ent-wicklungslücken im Zahlverständnis geschlossen werdenkonnten, woraufhin die Kinder anschließend in der Lagewaren, auch vom regulären Mathematikunterricht mehrzu profitieren (Ennemoser et al. 2015). In einer Folgestudiehatten die positiven Effekte auf die Entwicklung der Risiko -kinder selbst zwei Jahre nach der Förderung noch Bestand