was sind somatoforme Störungen?
Hauptmerkmal: exzessive, sorgenvolle Beschäftigung mit körperlichen Empfindungen oder der eigenen Gesundheit
-> körperliche Symptome (Rücken- und Kopfschmerzen), für die keine
physiologische Ursache gefunden werden kann
Für Diagnose:
Diagnose auch, wenn organische Krankheitsfaktoren vorliegen
-> Ausmaß der Beeinträchtigung gehen über das hinaus, was von
organischem Befund zu erwarten wäre
-> abzugrenzen: Simulation (Vortäuschen von Beschwerden)
charakteristische Verhaltensweisen:
welche verschiedenen somatoformen Störungen gibt es?
Somatisierungsstörung
-> Kernmerkmale: multiple, wiederholte, wechselnde körperliche
Beschwerden über min. 2 Jahre
-> lange und komplizierte Krankheitsgeschichte (Menschen sind
überzeugt von Symptomatik und suchen viele Ärzte auf)
Undifferenzierte somatoforme Störung
-> kürzere Störungsdauer (nach ICD 6 Monate) und weniger starke
Symptomatik als Somatisierungsstörung
Hypochondrische Störung
-> starke Angst vor schwerer Erkrankung (Krebs, Herzerkrankung)
-> Vermeidungsverhalten oder Arztbesuche als Rückversicherung
jedoch nicht Besserung der Symptomatik
Körperdysmorphe Störung
-> Beschäftigen mit körperlichen Makeln, die von Außenstehenden nicht
nachvollzogen werden können
chronische Schmerzstörung
-> schwere Schmerzen in einem Körperteil über min. 6 Monate ohne
adäquate organmedizinische Ursache
-> durch emotionale Konflikte oder psychosoziale Probleme
Konversionsstörung
-> vermeintliches Vorliegen neurologischer Symptome (Krampfanfälle,
Verlust von Seh-/Gehvermögen) ohne medizinische Ursache
-> Messmethoden zeigen, dass Funktionen intakt sind
wie häufig kommen somatoforme Störungen vor?
neben Depressionen und AS häufigste psychische Störung
-> Frauen ca. doppelt so häufig betroffen wie Männer
-> von hypochondrischer Störung Männer und Frauen gleich betroffen
Lebenszeitprävalenzen:
was kann zur Ätiologie von somatoformen Störungen gesagt werden?
multifaktorielles Entstehungsmodell (Faktoren unterscheiden sich in Gewichtung und Zusammenwirken bei Unterformen)
-> Konversionsstörung: soziale und kulturelle Faktoren (Türkei:
körperliche Beschwerden akzeptiert, psychische aber nicht)
Neurobiologie: große Bedeutung von der anterioren Insula (vorderer Teil der Inselrinde) und anterioren cingulären Kortex
-> verstärktes Erleben körperlicher Empfindungen
-> Hirnregionen auch bei psychischen Schmerzen aktiv
Modell der neuronalen Filterstörung nach Rief und Barsky (2005)
-> Störung der Wahrnehmung körperlicher Signale
-> körperliche Empfindungen werden durch internen Mechanismus
gefiltert und werden nur selten bewusst (beschränkte kognitive
Ressourcen)
-> körperliche Empfindungen laufen permanent durch afferente Bahnen
des peripheren Nervensystems
-> bei Störung keine ausreichende Filterung
was sind dissoziative Störungen?
grundsätzlich nichts Pathologisches (bei allen Menschen in Form von Tagträumen oder Dämmerzuständen)
-> Störung, wenn Integration mentaler Prozesse beeinträchtigt ist
-> sich und Umgebung stark verändert wahrnehmen, keine Erinnerung
an persönliche Ereignisse, verschiedene Persönlichkeiten
-> häufig direkter Zusammenhang mit traumatischen Ereignissen
welche verschiedenen dissoziativen Störungen gibt es?
Depersonalisations- und Derealisationsstörung
-> Veränderungen der Wahrnehmung der Person und Umwelt
-> losgelöst von eigenen Gedanken, Gefühlen, Wahrnehmungen,
Handlung oder Körper (wie über dem Körper schweben)
-> Gefühl für das was (nicht) real ist vorhanden
Dissoziative Amnesie
-> Erinnerung an persönliche Erfahrungen/Daten fehlt ohne organische
Ursache (sehr selten: vollständige Amnesie)
-> nach extremer Belastungssituation (nur episodisches und
autobiografisches Gedächtnis betroffen)
Dissoziative Fugue (Flucht)
-> nicht bewusster Gedächtnisverlust (umfassender als bei d. Amnesie)
-> Betroffene verlassen zu Hause und nehmen neue Identität mit
veränderten Persönlichkeitseigenschaften an
Dissoziative Identitätsstörung (DIS)
-> min. 2 unterscheidbare Persönlichkeiten (auch "Besessenheit")
-> komplexeste Form der dissoziativen Störung (alle Symptome anderer
d. Störungen können Auftreten)
-> Diskontinuität des Bewusstsein bzgl. des Ich-Gefühls und Handelns
-> Identitätswechsel und Erinnerungslücken
-> Komorbidität mit PTBS und depressiven Störungen
wie häufig kommen dissoziative Störungen vor?
reliable Diagnose der Störungsgruppe und Prävalenzzahlen schwierig
Lebenszeitprävalenzen nach Ross:
was kann zur Ätiologie von dissoziativen Störungen gesagt werden?
Dahlenberg und co. (2012): traumatische Ereignisse als Auslöser für eine DIS
-> Traumata aus Kindheit werden ins Unbewusste verdrängt
-> können im Erwachsenenalter wiederentdeckt werden
-> fehlerhafte Erinnerungen durch verschiedene Faktoren möglich
-> problematisch: Therapeut mit großem Interesse an Persönlichkeiten,
sodass Störung auf subtile Art verstärkt wird
soziokognitives Modell: neben Trauma müssen weitere Faktoren berücksichtigt werden
-> Entstehung der DIS kann mit suggestiven Einflüssen (Hypnose) in
Verbindung gebracht werden
-> keine absichtliche Täuschung durch Betroffene
Studie mit 11 Probanden zeigte unterschiedliche psychobiologische Charakteristika für verschiedene Persönlichkeiten
-> Herzrate, Blutdruck
-> Hinweise für separate neuronale Netzwerke
was sind artifizielle Störungen?
täuschen (schwere) körperliche oder psychische Symptome vor, aggravieren sie und verletzen sich selbst
-> gefährliche Methoden der Selbstverletzung mit langfristigen Schäden
-> Unterschied zur intendierten Simulation: Fehlen eines offenkundigen
äußeren Anreizes
-> internes Motiv: Einnahme der Krankenrolle
Fiedler: Betroffene können Verhalten willentlich kontrollieren
-> Ausübung der Selbstschädigung jedoch zwanghaft
-> kein Zurückschrecken vor operativen Eingriffen, auch wenn sie
wissen, dass diese nicht notwendig sind
wie häufig treten artifizielle Störungen auf?
Prävalenz in somatisch-medizinischen Einrichtungen: 0,5-2%
-> Ausgehen von hoher Dunkelziffer
vor allem Frauen (4-5 mal häufiger als Männer)
-> alleine lebend, im medizinischen Bereich arbeitend
welche Kriterien klassifizieren eine artifizielle Störung nach DSM-5?
welche Arten von artifiziellen Störungen gibt es?
Münchhausen-Syndrom
-> 10% der Patienten mit artifizieller Störung davon betroffen
-> wandern von Krankenhaus zu Krankenhaus, auch mehrere 1000
Kilometer (Hospital-Hopper-Syndrom)
-> Komorbid: antisoziale Persönlichkeitsstörung
Münchhausen-by-proxy-Syndrom
-> primäre Bezugsperson eines Kindes (in 80% Mutter) täuscht dessen
körperliche Symptome vor, übertreibt sie oder fügt sie selbst zu
-> vor allem kleine Kinder, die sich verbal nicht ausdrücken und wehren
können, sind gefährdet
-> Mortalitätsrate: 10%
-> in ca. 50% auch Geschwisterkinder betroffen
was kann zur Ätiologie von artifiziellen Störungen gesagt werden?
keine gesicherten Aussagen zur Entstehung möglich
-> viele Fälle nicht aufgedeckt und Prävalenz eher gering
Fiedler mit Annahmen bezüglich der Entstehung:
weitere Aspekte nach Freyberger (2015)
was ist eine Persönlichkeitsstörung?
Persönlichkeit: individuelle Eigenschaften, Erlebens- und Verhaltensweisen, die uns ausmachen
-> bestimmte Ausprägung bei Eigenschaften (Intro-/Extraversion)
-> häufig normalverteilt auf Skalen
bei Störung: überdauerndes, unflexibles und tiefgreifendes Muster im inneren Erleben und Verhalten
-> unter 18: Auffälligkeiten müssen über min. 1 Jahr bestehen (bei
antisozialer PS keine Diagnose unter 18 möglich)
-> Betroffene sehen Persönlichkeit nicht als problematisch, sondern zur
eigenen Person zugehörig (Ich-Systonie)
welche Kriterien klassifizieren eine Persönlichkeitsstörung nach DSM-5?
was kann zur Dauer und Ätiologie von Persönlichkeitsstörungen gesagt werden?
nicht über ganzes Leben hinweg
-> 99% der Betroffenen erfüllen nach fast 2 Jahrzehnten Kriterien nicht
mehr
-> Unterschiede bei Remission: bei Borderline- bzw. emotional-
instabilen PS hoher Rückgang der Symptomatik, während bei
schizotypischer PS Remission deutlich seltener ist
Ätiologie: soziale und biologische Faktoren relevant
-> häufig Missbrauchserfahrungen oder Vernachlässigungen in Kindheit
(erhöhen Wahrscheinlichkeit für narzisstische PS um 18fache und für
paranoide, dependente, emotional-instabile um 6fache)
-> auch genetische Komponente bei Entwicklung wichtig
wie werden Persönlichkeitsstörungen eingeteilt?
Cluster-A-Persönlichkeitsstörungen: absonderliches und exzentrisches Verhalten
Cluster-B-Persönlichkeitsstörungen: dramatisches und launenhaftes Verhalten
Cluster-C-Persönlichkeitsstörungen: ängstliches und furchtsames Verhalten
wie können die Cluster-A-Persönlichkeitsstörungen näher beschrieben werden?
Paranoide PS
-> misstrauisch und argwöhnisch gegenüber anderen
-> harmlose Bemerkungen werden als abwertend interpretiert
-> Zweifel an Loyalität und Treue
-> Lebenszeitprävalenz: ca. 4,3%
Schizoide PS
-> Desinteresse an menschlichen Beziehungen (Einzelgänger)
-> Meinung anderer bedeutet wenig
-> geringer positiver Gefühlsausdruck und emotionale Kälte
-> Lebenszeitprävalenz: ca. 3,1%
Schizotypische PS
-> Denk-, Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen wie bei Schizophrenie
-> in engen Beziehungen Unbehagen (paranoide Vorstellungen, soziale
Angst)
-> Besonderheiten in Wahrnehmung (Körperillusionen), Denken
(Wahninhalte), Sprechen oder äußeren Erscheinungsbild möglich
-> Lebenszeitprävalenz: 3,9%
wie können die Cluster-B-Persönlichkeitsstörungen näher beschrieben werden?
Antisoziale PS
-> häufig Gesetzesbrecher
-> Hinterlistigkeit, Impulsivität, Reizbarkeit, aggressives Verhalten
-> keine Reue oder Schuld bei Gesetzesüberschreitungen
-> kommen finanziellen Verpflichtungen nicht nach
-> Verhaltensstörungen vor 15. Lebensjahr (Schwänzen, Diebstahl)
-> Männer 5 mal häufiger als Frauen
-> Lebenszeitprävalenz: ca. 3,8% (in Gefängnissen bei 70%)
Histrionische PS
-> gerne im Mittelpunkt (fühlen sich unwohl, wenn nicht)
-> Enthusiasmus, Offenheit, Flirtbereitschaft, wirken beeindruckend
-> häufig unangemessen verführerische und aufreizende
Verhaltensweisen sowie auffälliges Aussehen (starkes Make Up)
-> Emotionen übertrieben, dramatisch, wechselnd und oberflächlich
-> Lebenszeitprävalenz: 1,8%
Narzisstische PS
-> überhöhtes Empfinden eigener Großartigkeit und Grandiosität
-> fordern Bewunderung von Umwelt
-> Abwertung der Leistungen oder Fähigkeiten anderer
-> umgeben sich mit gleichrangigen besonderen Personen
-> wirken arrogant, ausbeuterisch und neidisch
-> Männer (50-75%) deutlich häufiger als Frauen
-> Lebenszeitprävalenz: 6,2%
was ist eine der häufigsten Persönlichkeitsstörungen?
Borderline-Persönlichkeitsstörung (20%)
-> erheblicher Leidensdruck (Selbstverletzungen)
-> Lebenszeitprävalenz: 5,9%
Neurobiologie: verschiedene Veränderungen
-> erhöhte Amygdala-Aktivität beim Anblick emotionaler Bilder
(emotionale Dysregulation)
-> veränderte Funktionsweise des Frontallappens (erhöhte Impulsivität)
kognitive Modelle: irrationale Denkmuster (Alles oder Nichts, Schwarz-Weiß) und hypervalente Schemata (reduzierte Aktivierungsschwelle)
-> kognitive Verzerrung in Bewertung anderer
-> Missbrauchserfahrungen in Kindheit (schweres familiäres Umfeld)
Diathese-Stress-Modell von Linehan (1987):
-> neben biologischer Diathese führen vor allem soziale Einflüsse zu
emotionaler Fehlregulierung des Kindes
-> hohe Anforderungen an Familie
-> invalidierender Erziehungsstil als Risikofaktor (Eltern nehmen
Gefühle der Kinder nicht ernst oder vernachlässigen diese)
-> emotionale Ausbrüche der Kinder
wie wird die Borderline-Persönlichkeitsstörung nach DSM-5 klassifiziert?
tiefgreifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, Selbstbild, Affekten und deutlicher Impulsivität mit Beginn im frühen Erwachsenenalter (Muster zeigt sich in verschiedenen Situationen)
min. 5 folgender Kriterien müssen erfüllt sein:
wie können die Cluster-C-Persönlichkeitsstörungen näher beschrieben werden?
Vermeidend-selbstunsichere PS
-> angstbestimmtes Verhalten, unzulänglich oder unfähig zu sein
-> Selbstbild: unbeholfen, unattraktiv, anderen unterlegen
-> geringes Selbstwertgefühl
-> auch berufliche Schwierigkeiten und Meiden von Unternehmungen
-> Remission mit zunehmendem Alter
-> Lebenszeitprävalenz: 2,3%
Dependente PS
-> hohes Bedürfnis, von anderen versorgt zu werden
-> Verantwortung für Leben und wichtige Entscheidungen von anderen
übernommen
-> Verhaltensweisen nicht alters- oder situationsgemäß
-> Übernahme unangenehmer Tätigkeiten und unterwürfiges Verhalten
-> kaum Eigeninitiative und Furcht vor Alleinsein
-> Lebenszeitprävalenz: 0,4% (sehr selten)
Zwanghafte PS
-> starke Beschäftigung mit Ordnung und Perfektion
-> Perfektionismus behindert Erfüllung von Aufgaben (Details, Regeln,
Listen, Pläne)
-> Arbeit und Produktivität im Mittelpunkt
-> unflexibel, rigide, geizig in Geldfragen, horten alte Dinge
-> Herkunftskultur der Personen wichtig
-> Lebenszeitprävalenz. 8,1% (Männer doppelt so häufig wie Frauen)