Beeinträchtigungen zur Zeit der Industrialisierung
Die Aufklärung, Napoleon und die Industrialisierung hatten Europa verändert. Umbrüche schaffen Gestaltungsraum: ▮ Die landwirtschaftlich geprägte Landbevölkerung wird zur verstädterten Industriegesellschaft. ▮ Ein Proletariat (Herrschaft der Arbeitsklasse) entsteht und Ausbildungssysteme sorgen für die Generierung der Expertise.
Der Wert des Individuums reduziert sich auf die geistige und physische Arbeitskraft. ▮ Während Leistungsvermögen Aufstiegschancen schafft, wird fehlende Leistungsfähigkeit als Problem erlebt. ▮ Auch bei leistungsstarker Arbeit gab es für behinderte Personen kaum angemessene Verdienstmöglichkeiten. ▮ Viele behinderte Menschen leben in Anstalten, um dort ihr Leid gottgefällig zu ertragen.
Beeinträchtigungen in der Weimarer Zeit (1918-1933)
Eine Mittelschicht mit Wohlstand und Nationalgefühl entsteht. ▮ Die Verstädterung schreitet rasch voran. Die Urbanisierung schafft soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit. ▮ Frauenrechte, Reformen in der Kunst, Sexualität etc. werden diskutiert. Dies erzeugt reaktionäre Tendenzen. ▮ Die „nationale Volksgemeinschaft“ wird geboren. Es braucht „Sündenböcke“ und „Ballastexistenzen“ müssen überwunden werden.
Beeinträchtigungen aus Sicht des eugenischen Fundaments
In den USA entsteht eine medizinisch- orientierte „Verwahrungspflege“. ▮ Der moderne Mensch und die Gesellschaft sollten geschützt werden. ▮ Ein Rechtsrahmen entsteht, mit dem 40-50T Personen gegen ihren Willen sterilisiert wurden. Auf diesen Gesetzen fußt die Deutsche Eugenik. „feebleminded“ und „moron“: ▮ Als sozial besonders gefährlich werden Personen erachtet, die nicht unmittelbar als „geistig behindert“ erkannt werden (moron).
Eugenik in Deutschland Eugenik oder auch „Erbhygiene“: ▮ Ziel der Eugenik ist die Vermeidung der erblichen Weitergabe von Schädigungen. In Darwins Tradition wird das als Sozialdarwinismus bezeichnet. „Es ist eine peinliche Vorstellung, daß ganze Generationen von Pflegern neben diesen leeren Menschenhülsen dahinaltern [...].“
„Der Erfüllung dieser Aufgabe steht das moderne Bestreben entgegen, […] allen, auch den zwar nicht geistig Toten, aber doch […] minderwertigen Elementen Pflege und Schutz angedeihen zu lassen.“
Der Beitrag der Heilpädagogik zur Eugenik in Deutschland
„Wenn schon Zehn- und Hunderttausende Entartete und Minderwertige in unserem Volk vorhanden sind, so ist, nachdem man die Minderwertigen selbst nicht beseitigen kann, nur die eine Möglichkeit gegeben, mit bitterem Ernste die Auswirkung der Minderwertigkeit und die weitere Verseuchung durch Minderwertige durch heilpädagogische Mittel zu bekämpfen.“ (Egenberger, 1923) ▮ Die eugenischen Überzeugungen einiger Hilfsschullehrkräfte ebneten den Weg für rassenhygienische Programme. ▮ Hilfsschullehrkräfte katalogisierten behinderte Menschen für den Zugriff des NS-Regimes. Hilfsschulen und Anstalten wurden zu strukturierten Sammelbecken. ▮ Zwischen 1933-1945 wurden etwa 400.000 Sterilisationen durchgeführt, gestützt auch auf die Personalbögen der Hilfsschulen.
Euthanasie
Mit der Aktion T4 wurden in den Tötungsanstalten zwischen 1940-1941 mindestens 70.273 behinderte Menschen ermordet. ▮ Sonnenstein in Sachsen (13.720), Hartheim bei Linz (18.269), Hadamar in Hessen (10.072)… ▮ 1941 wurde die „industrielle“ Vernichtung aufgrund sich regenden Protests in der Bevölkerung gestoppt.
Ab 1941 wurde die Vernichtung mit der „wilden“ Euthanasie bis 1945 fortgeführt. Die Zahl der Opfer ist unbekannt. ▮ Gemordet wurde u.a. durch Kalorien-Ausschleichen (Verhungern) oder durch Medikamente zur Provokation von „natürlichen“ Todesursachen.
Die Strukturen in der Restauration
„Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat.“ (Konrad Adenauer)
Strukturen wie Werkstätten, Sonderschulen oder Berufsförderwerke wurden erhalten und ausgebaut. ▮ Einige Agierende der Euthanasie wurden nie angeklagt und blieben in Amt und Würden. ▮ Die Sozialämter in der BRD übernahmen die vor 1945 angelegten Akten. Die Befunde waren häufig die Grundlage für weitere Entscheidungen. ▮ Die Verwahrungsmodelle blieben bestehen und isolierten behinderte Menschen weiterhin. Im Mittelpunkt standen Fürsorge, medizinische Maßnahmen und die Kategorisierung nach der Arbeitsfähigkeit.
Die Eugenik in der Restauration
▮ Das Zwangssterilisationsgesetz blieb in den westlichen Zonen ohne Vollstreckung bestehen. ▮ Eine Wiedergutmachung wurde noch in den 1960ern öffentlich mit abstrusen Argumenten abgelehnt. ▮ Knapp 70 Jahre später erfolgte 2007 die Rehabilitation der Opfer… ▮ Eugenische Ideen werden im Rahmen der humangenetischen Beratung im neuen Gewand weitergeführt.
Meinungsbilder in der Restauration
Behinderung wird politisch relevant… ▮ Behinderte Menschen wurden zu vollwertigen Bürgerinnen und Bürgern („Mit-Bürgern“). ▮ Behinderung wird durch den Contergan-Skandal mit eindrücklichen Bildern medial präsent. ▮ Erste Skandale um Medikamentenversuche an behinderten Kindern werden bekannt… Veränderungen provozieren Widerstände… ▮ Erste positive Einzelbeispiele erhalten Modellcharakter und öffnen Denkräume (Schulische Integration…). ▮ Teilhabe bleibt jedoch hochspezifisch jenseits eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses und lebt von den innovativen Ideen und der Hartnäckigkeit Einzelner.
Widerstand der 1960er
„Any group of persons – prisoners, primitives, pilots, or patients – develop a life of their own that becomes meaningful, reasonable and normal once you get close to it. “ (Erving Goffmann)
▮ In den USA empört sich die Antipsychiatriebewegung. Goffmann veröffentlicht 1961 „Asylum: Essays on the Condition of the Social Situation of Mental Patients and Other Inmates“. ▮ In Italien wird das psychiatrische „Anstaltswesen“ und die schulische Segregation abgeschafft. ▮ Die Elternbewegung entsteht, organisiert sich und stellt konkrete Forderungen. ▮ Behinderte Menschen formieren sich zur Behindertenbewegung und radikalisieren sich. (z.B. „Krüppelbewegung“)
Die Krüppelbewegung
Die „Krüppelbewegung“ kann als eine der deutschen Varianten der Independent-Living-Bewegungen und der Self-Advocacy-Bewegungen betrachtet werden. ▮ Sie entstand in den 1970er Jahren, anfangs unter Ausschluss unbehinderter Menschen, und kokettiert mit der Selbststigmatisierung „Krüppel“. ▮ Sie setzte auf teilweise aggressive Agitation durch medial wirksame Aktionen: Blockaden von Straßenbahnen; Verleihung der „goldenen Krücke“; Die Publikation der Krüppelzeitung von 1979-1985… ▮ 1986 wurde in Bremen die erste von inzwischen über zwanzig ISL (Initiative Selbstbestimmt Leben) Beratungsstellen eröffnet.
Krüppelproteste
▮ Demonstration gegen das Frankfurter „Reiseurteil“ 1980: „Auch die Anwesenheit einer Gruppe von jedenfalls geistig und körperlich Schwerbehinderten stellt einen zur Minderung des Reisepreises berechtigenden Mangel dar.“ ▮ Bühnenbesetzung bei der Eröffnung des „UNO-Jahr der Behinderten 1981“: „Jedem Krüppel seinen Knüppel“. ▮ 1981 fand das „Krüppeltribunal“ zur Anprangerung von Verletzungen von Menschenrechten an behinderten Menschen statt.