wie kann die Entwicklungspsychopathologie (EPP) von der Entwicklungspsychologie abgegrenzt werden?
Verständnis der Ursprünge & Pfade psychischer Störungen & Abweichungen
-> Fokus: Ursachen, Risikofaktoren, Risikoidentifizierung
-> vergleicht typische & abweichende Entwicklungsverläufe
-> ermöglicht ganzheitlicher Blick auf menschlichen Entwicklungsprozess
-> verbindet Erkenntnisse von klinischer & Entwicklungspsychologie
-> Entwicklungspsychologie: detaillierte Beschreibung & Erklärung des lebenslangen
Entwicklungsprozesses
-> zusätzliche Erkenntnisse: Neurobiologie, Neuropsychologie, Humangenetik,
Sozialpsychologie
Ziele:
1.) Förderung & Aufrechterhaltung des psychischen Wohlergehens von Kindern
2.) Minderung der Prävalenz von Entwicklungsstörungen
3.) Steigerung der Lebensqualität von Betroffenen & ihrem sozialen Umfeld
was versteht man unter Entwicklung?
relativ überdauernde intraindividuelle Veränderungen des Erlebens & Verhaltens über die Zeit hinweg
-> Bereiche: moralische, kognitive & sprachliche Entwicklung
-> umfasst keine kurzzeitigen Änderungen ohne Weiterentwicklung
-> umfasst keine abrupten Veränderungen durch z.B. Unfälle
-> Entwicklung nur durch Anpassung des Erlebens & Verhaltens
-> Entwicklung immer in sukzessiven Phasen
was sind Entwicklungsaufgaben und welche gibt es?
ergeben sich durch natürliche Reifungs- & Abbauprozesse
-> Einfluss durch gesellschaftliche Erwartungen & Anforderungen
Entwicklungsaufgaben nach Havighurst:
1.) frühe Kindheit (0-2)
-> soziale Bindung, Objektpermanenz, Motorik
2.) Kindheit (2-4)
-> Selbstkontrolle, Sprachentwicklung, Fantasie & Spiel
3.) Einschulung & frühes Schulalter (5-7)
-> Geschlechtsrollenidentifikation, konkrete Operationen, Spiel in Gruppen
4.) mittleres Schulalter (6-12)
-> soziale Kooperation, Selbstbewusstsein, Teamarbeit
5.) Adoleszenz (13-17)
-> körperliche Reifung, sexuelle Beziehungen, formale Operationen
6.) Jugend (18-22)
-> Autonomie von Eltern, Geschlechtsrollenidentität, Berufswahl
7.) frühes Erwachsenenalter (23-30)
-> Heirat, Geburt von Kindern, Arbeit & Beruf, Lebensstil finden
8.) mittleres Erwachsenenalter (31-50)
-> Heim & Haushalt führen, Kinder großziehen, berufliche Karriere
9.) spätes Erwachsenenalter (51+)
-> eigenes Leben akzeptieren, Haltung zum Sterben entwickeln
von welchen Faktoren ist die Erfüllung von Entwicklungsaufgaben abhängig?
von zahlreichen inneren & äußeren Faktoren abhängig:
1.) biologisch: z.B. geistige & körperliche Gesundheit
2.) sozialer Kontext: z.B. Erwartungen wichtiger Bezugspersonen
3.) psychologisch: z.B. persönliche Erwartungen, Fähigkeiten, Bildung
4.) gesellschaftlich: z.B. Zugang zu Bildung, Diskriminierung, Gleichberechtigung
5.) kulturell: z.B. Religionsfreiheit, Einstellung ggü. sexueller Orientierung
von welchem Forschungsansatz geht die Entwicklungspsychopathologie aus?
biopsychosozialer Forschungsansatz
-> multidimensionaler Ansatz
-> gegenseitiger Einfluss & Beziehung zwischen Einflussfaktoren
Wechselwirkungen nach Heinrichs & Lohaus:
1.) biologisch auf sozial: schnelles Wachstum führt zu sozialer Aufmerksamkeit
2.) sozial auf biologisch: Aufwachsen in Umgebung mit hohem Bildungsniveau hat
positiven Einfluss auf neurologische Entwicklung
3.) biologisch auf psychologisch: Symptome der Schilddrüsenunterfunktion senken
Selbstbewusstsein und Lebensfreude
4.) psychologisch auf biologisch: chronischer Stress verursacht körperliche
Symptome wie Bluthochdruck oder Herzprobleme
5.) psychologisch auf sozial: hohe Resilienz zeigt Eignung als Führungspersönlichkeit
6.) sozial auf psychologisch: Leistungsdruck führt zu starker Leistungsorientierung &
psychologischem Druck
was sind Risikofaktoren?
Faktoren, die Wahrscheinlichkeit für psychische Störungen erhöhen
-> EPP versucht Faktoren zu identifizieren & Ursachen zu finden
-> nicht jeder Risikofaktor führt zu Entwicklungsgefährdung
-> Einfluss: Dauer, Reihenfolge, Alter, Entwicklungsstand, Geschlecht
-> je früher sie auftreten, desto wahrscheinlicher haben sie negativen Einfluss
verschiedene Arten von Risikofaktoren nach Heinrichs:
1.) pränatal (vor Geburt)
-> z.B. Teratogene (Alkohol- & Drogenkonsum während SSW)
-> verursachen Fehlbildungen & Entwicklungsstörungen beim Fötus
2.) perinatal (während Geburt)
-> Sauerstoffmangel während Geburt verursacht gesundheitliche Probleme
3.) postnatal (nach Geburt)
-> z.B. schlechte Ernährung, Kindesmisshandlung
wann beginnt der Prozess der Entwicklung?
v.a. in den ersten Lebensjahren (frühe Kindheit)
-> viele körperliche, motorische & kognitive Veränderungen auf einmal
-> besonders von Verzögerungen & Störungen betroffen
wichtiger Aspekt: Bindung
-> emotionales Band zwischen Kind & Bezugsperson
-> Kernbasis von frühen emotionalen Beziehungen
-> zeigt sich nach Geburt durch Suche nach Nähe & Schutz bei Bezugsperson
Ablauf der Entwicklung des emotionalen Bandes:
1.) Baby zeigt Bedürfnisse durch Signale (Weinen, Lächeln)
2.) Bezugsperson reagiert auf Signale (Hochheben, Wiegen, Singen, Streicheln)
-> steuert Interaktion & Evolution der Bindung
3.) bei angemessener Reaktion entsteht beidseitiges Vertrauen
-> angemessene Interpretation muss erlernt werden
-> Fürsorgeverhalten bietet Schutz & Sicherheit
welche Phasen der Bindungsentwicklung werden unterschieden?
1.) Vorphase der Bindung (Geburt - 6 Wochen)
-> Bindungsverhalten nicht personenabhängig
-> angeborene Signale zur Erreichung von Bedürfnisbefriedigung
2.) Phase der entstehenden Bindung (6 Wochen - 6/8 Monate)
-> zunehmend personenspezifische Signale (Bezugsperson)
-> Entwicklung von Erwartung an Bezugsperson
3.) Phase der ausgeprägten Bindung (6/8 Monate - 1,5/2 Jahre)
-> spezifische Bindung entsteht
-> aktive Kontaktaufnahme, Protest/Unbehagen bei Trennung
-> Spannung durch Anwesenheit Fremder („Fremdeln“)
4.) Phase der reziproken Beziehungen (ab 1,5/2 Jahren)
-> Entstehung eines inneren Arbeitsmodells zur Bindungsrepräsentation
-> Trennungssituationen werden akzeptiert
was versteht man unter einer Bindungsstörung?
nach ICD-11: stark abnormales Bindungsverhalten in früher Kindheit
-> im Zusammenhang mit unangemessener Betreuung
-> Verhalten weicht extrem von erwartetem Bindungsverhalten ab
-> tritt meist vor dem 5. Lebensjahr auf
-> mögliche Ursache: Vernachlässigung durch Bezugspersonen
-> Folgen: Schwierigkeiten beim Beziehungsaufbau, emotionale/soziale Folgen
welche Verhaltensweisen weisen auf eine Bindungsstörung bei Kindern unter 5 Jahren hin?
1.) Distanzlosigkeit gegenüber Fremden (Suche nach Körperkontakt)
2.) kontrollierendes oder überfürsorgliches Verhalten
3.) Ignorieren oder Vermeiden der Bezugsperson
4.) Ärger, Impulsivität oder wenig positiver Affekt
5.) Mitgehen mit fremden Personen
welche Formen der Bindungsstörung unterscheidet man nach ICD-11?
1.) reaktive Bindungsstörung im Kindesalter (ICD-6B44)
-> extrem ängstliches & überwachendes Verhalten
-> reagieren in sozialen Kontexten inkonsistent oder ambivalent
-> emotionale Anomalien: Isolation, Selbstschädigung, Aggression
2.) Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung (ICD-6B45)
-> diffuse, wenig emotional bezogene oder keine persönliche Bindung
-> kein Unterschied zwischen Bezugsperson & Fremden bei Bindungsverhalten
-> starke Anhänglichkeit, Verlangen nach Aufmerksamkeit
-> emotionale Anomalien: Aggression, Störung der Interaktion mit Gleichaltrigen
welche Folgen können durch Bindungsstörungen entstehen?
Folgen mit tiefgreifenden Auswirkungen auf gesamte Entwicklung
1.) Schwierigkeiten bei Emotionsregulation (Wutanfall, Trauer, Angst)
2.) soziale Folgen: schwerer Beziehungsaufbau, dissoziale Wirkung
3.) rebellisches, widerspenstiges oder feindseliges Verhalten
4.) selbstdestruktives Verhalten
5.) kognitive Folgen: Lernschwierigkeiten, schlechte schulische Leistungen
6.) psychische Folgen: Angst-/Persönlichkeitsstörung, Selbstwert-/Vertrauensproblem
was versteht man unter Aufmerksamkeit?
selektive Ausrichtung kognitiver Ressourcen auf Reize/Aktivitäten
-> andere Reize werden ausgeblendet
-> Aufmerksamkeitssystem entwickelt sich während Kindheit
-> ermöglicht Erfassung & Verarbeitung zunehmend komplexerer Infos aus Umwelt
Phasen der Aufmerksamkeit:
1.) Neugeborene: 20% der Zeit Wachzustand, sonst Schlaf
2.) Säuglinge: unterschiedliche Zustände (wach + aktiv, wach + aufmerksam, dösen)
3.) Kleinkinder (13-15 Monate): aktive Lenkung der Aufmerksamkeit auf Objekte
-> durch Zeigegesten, dient der gemeinsamen Aufmerksamkeit mit Erwachsenen
was ist die Aktivitätsregulation?
Fähigkeit der Steuerung & Anpassung von Verhalten & Reaktionen
-> Neugeborene werden nur durch Grundbedürfnisse angetrieben
-> bis 2 Jahre: Ich-Bewusstsein, Aktivitätssteuerung möglich
-> ab ca. 3 Jahren: Impulskontrolle, verknüpft mit Reifung des präfrontalen Cortex
-> PFC-Entwicklung von früher Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter
-> PFC verantwortlich für Selbstregulation, Planung, Problemlösung
-> sichere Bindung führt zu besseren Selbstregulierungsfähigkeiten, Ausdauer &
Aufmerksamkeitsaufrechterhaltung
Dimensionen der Aktivitätsregulation:
1.) emotionale Regulation: Emotionen erkennen, verstehen & sozial angemessen
ausdrücken
2.) Impulskontrolle: unangemessene spontane Reaktionen unterdrücken
3.) Aufmerksamkeitssteuerung: Konzentration auf relevante Reize lenken
4.) Aktivierung & Energiemanagement: Regulation von Motivation & Entspannung
5.) Handlungsplanung & Entscheidungsfindung: selbstgesetzte Ziele, Konsequenzen
abwägen
was ist ADHS?
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
-> anhaltendes Muster von Unaufmerksamkeit & Hyperaktivität
-> Beeinträchtigungen in Schule, Beruf oder sozial
-> erste Symptome vor dem 12. Lebensjahr
-> Symptome müssen länger als 6 Monate & in min. 2 Lebensbereichen auftreten
typische Verhaltensmuster:
1.) impulsiv z.B. Wutausbrüche
2.) hyperaktiv z.B. Unruhe, Ungeduld
3.) unaufmerksam z.B. leicht ablenkbar, Aufgabenaufschub
Ursachen: multifaktoriell
-> Dysfunktion des Dopaminsystems: gestörte Aktivierung & Selbstregulation
-> Beteiligung des Frontalhirns (exekutive Funktionen)
-> Risiko: pränataler Alkohol-/Nikotingebrauch, Frühgeburt, geringes Geburtsgewicht
Folgen & Begleiterscheinungen:
-> Selbstregulationsprobleme (Affekt, Motivation, Aufmerksamkeit)
-> schulische Schwierigkeiten, soziale Konflikte, niedriger Selbstwert
-> Komorbiditäten: Depression, Substanzmissbrauch, antisoziale Störungen
-> ca. 1/3 der Betroffenen auch im Erwachsenenalter betroffen
-> Langzeitfolgen: Unfälle, Delinquenz, berufliche Probleme, Beziehungsstörungen
inwiefern ist Aktivitätsregulation relevant bei ADHS?
beim Verständnis von ADHS
-> Entwicklung von Strategien zur Verbesserung der Aktivitätsregulation
-> Schlüsselelement in Intervention & Management von ADHS
-> Kombination mit Medikamenten & Psychotherapie
gezielte Elterntrainings je nach Ursache & Alter:
1.) „Starke Eltern – Starke Kinder“
2.) „Parent-Child Interaction Therapy“ (PCIT)
3.) „Positive Parent Training“ (Triple P)
4.) „Wackelpeter und Trotzkopf“
welche Arten von Essstörungen werden nach ICD-11 unterschieden?
Anorexia nervosa (6B80)
-> starkes Untergewicht, Angst vor Gewichtszunahme, verzerrtes Körperbild
-> Meidung kalorienreicher Nahrung, exzessiver Sport
-> Verhalten ist egosynton (wird als normal empfunden)
-> Ursachen: Schlankheitsdruck, Perfektionismus, Kontrollbedürfnis, familiäre
Konflikte, traumatische Erfahrungen
-> bei frühzeitigem Beginn: körperliche & geistige Entwicklungsstörungen
-> durch Mangelernährung: Fehlen grundlegender Nährstoffe
Bulimia nervosa (6B81)
-> wiederholte Essanfälle mit Kontrollverlust
-> kompensatorisches Verhalten (z. B. Erbrechen, Fasten)
-> starke Unzufriedenheit mit Körperbild, Schuld- & Schamgefühle
-> Ursachen: geringes Selbstwertgefühl, emotionale Belastungen, familiäre Konflikte,
dysfunktionale Beziehungen
Binge-Eating-Störung (6B82)
-> wiederholte Essanfälle ohne kompensatorisches Verhalten
-> Gefühl von Machtlosigkeit, Scham & Selbstekel
-> Ursachen: emotionale Dysregulation, Stressbewältigung, familiäre Dynamiken
welche Essstörungen treten bereits im Säuglings- & Kleinkindalter auf?
Pica (6B84)
-> anhaltendes Essen nicht nährstoffreicher Substanzen (Ton, Erde, Papier)
-> Dauer: länger als einen Monat
-> Verhalten entwicklungsunangemessen & nicht kulturell sanktioniert
Ruminationsstörung (6B85)
-> wiederholtes Aufstoßen bereits geschluckter Nahrung
-> ohne sichtbare Anzeichen von Übelkeit oder Würgereiz
-> Nahrung wird erneut gekaut, geschluckt oder ausgespuckt
-> Kinder verlieren Gewicht oder nehmen nicht zu
-> Folge: Unterernährung, Wachstumsverzögerung
was ist Adipositas (5B81) nach ICD-11?
chronische, komplexe Krankheit
-> übermäßige Vermehrung des Körperfetts
-> beeinträchtigt Gesundheit
-> multifaktoriell (übergewichtsförderndes Umfeld, psychosozial, genetisch)
-> Dysregulation des Gleichgewichts zwischen Kalorienzufuhr & Verbrauch
Abgrenzung zur Binge-Eating-Disorder:
-> gehört zu Ernährungs- & Stoffwechselkrankheiten
-> physischer Gesundheitszustand mit objektiv messbaren Kriterien
inwieweit können Bezugspersonen als Risikofaktor für Essstörungen gesehen werden?
Risikofaktoren durch elterliches Verhalten:
1.) geringe Reaktionsfähigkeit auf kindliche Bedürfnisse: emotionale Vernachlässigung
2.) Desinteresse an Kind: emotionale Vernachlässigung
3.) widersprüchliche Essensregeln: Kind verliert Orientierung über Hunger/Sättigung
4.) strafende oder gewalttätige Erziehung: traumatische Erfahrungen
-> langfristige psychische Folgen
-> Essen wird als Mittel zur Anerkennung oder Strafe genutzt
5.) elterliche Uneinigkeit: Unsicherheit, Instabilität & emotionale Belastung
Einfluss auf Essverhalten:
-> anorektische Tendenzen: Kontrolle über Essen als Versuch, Kontrolle über Umwelt
zu gewinnen
-> bulimische Tendenzen: Überessen als emotionaler Ausgleich, kompensatorisches
Verhalten aus Schuld & Angst
-> pränatale Phase: mütterlicher Stress, Alkohol oder Nikotin beeinflussen früh
neuronale Entwicklung
was sind Lernentwicklungsstörungen?
Störung des schulischen Fertigkeitsaufbaus
-> Probleme in Entwicklung, die für schulisches Lernen relevant ist
-> auf akademische Fertigkeiten (Lesen, Schreiben, Rechnen) bezogen
-> Leistung unter eigentlichem Niveau der Altersstufe
-> Folge: erhebliche Lernschwierigkeiten & Rückstände
welche Lernentwicklungsstörungen (LES) existieren nach ICD-11?
LES mit Lesebeeinträchtigung (6A03.0)
-> Defizite bei Erwerb & Anwendung von Lesefertigkeiten
-> Probleme bei Erkennen von Buchstaben & Worten, flüssigen Lesen & Verständnis
-> beeinträchtigt Lernen in fast allen Fächern
LES mit Beeinträchtigung im schriftlichen Ausdruck (6A03.1)
-> Defizite beim Schreiben
-> betroffen: Handschrift, Rechtschreibung, Grammatik, Satzstruktur
LES mit Beeinträchtigung in Mathematik (6A03.2)
-> Defizite beim Verstehen von Zahlenkonzepten, Rechnen & Mathematik
-> Probleme bei Rechenarten, Brüchen, Prozenten,...
LES mit anderer spezifizierter Beeinträchtigung des Lernens (6A03.3)
-> bezieht sich nicht auf akademische Fertigkeiten
-> nicht auf Intelligenzminderung, Sinnesbeeinträchtigungen, neurologische
Störungen oder Sprachbarrieren zurückzuführen
-> Probleme beim Erwerb von Fremdsprachen
welche älteren Begriffe wurden früher für Lernentwicklungsstörungen genutzt?
Legasthenie
-> heute: LES mit Lesebeeinträchtigung
-> Defizite beim Wortlesen, Rechtschreiben & Organisation von Infos
-> ICD-11 Definition zusätzlich Verständnis & andere Aspekte der Lesekompetenz
Dyskalkulie
-> heute: LES mit Beeinträchtigung in Mathematik
-> vielfältige Defizite mathematischer Fertigkeiten
-> ICD-11 Definition umfassender & wissenschaftlich fundierter
was ist die Legasthenie & welche Ursachen hat sie?
Teilleistungsstörung durch Besonderheiten von Hirnfunktionen
-> Störung der zentralnervösen Wahrnehmung & Verarbeitung von Buchstabenfolgen
-> unabhängig von Anstrengung, Intelligenz & visuellen Fähigkeiten
Kognitive Theorien:
1.) phonologisches Defizit
-> Probleme bei Lautverarbeitung & Graphem-Phonem-Zuordnung
2.) magnozelluläres Defizit
-> Beeinträchtigung visueller & auditiver Wahrnehmung
-> z.B. Fixierung, Kontrastempfinflichkeit, Bewegungsempfindlichkeit
3.) Kleinhirndefizit
-> Störung der Automatisierung & motorischen Kontrolle
-> 80% der Kinder mit Dyslexie zeigen Anomalien im Kleinhirn
4.) zeitlich-auditives Defizit
-> Schwierigkeiten bei Verarbeitung schneller auditiver Reize
Ursachen:
1.) genetisch: familiäre Häufung
-> Geschwister haben 3,5× höheres Risiko
-> 55 % Geschwister, ca. 1/3 Eltern betroffen
2.) Umweltfaktoren:
-> niedriger sozioökonomischer Status
-> geringes Bildungsniveau der Eltern
-> niedrige Lesefähigkeit des Vaters
-> negativer Erziehungsstil / Mutter-Kind-Interaktion
-> Genetik bedeutsamer als Umweltfaktoren
wie kann Legasthenie gefördert werden?
evidenzbasierte Programme:
1.) Leseförderung (1.–2. Klasse):
-> Flüssig lesen lernen von Tacke
-> Lautgetreue Lese-Rechtschreibförderung von Reuter-Liehr
2.) Rechtschreibförderung: „Marburger Rechtschreibtraining“
3.) visuelle Anpassung: größere Schrift, breiterer Buchstaben-, Wort- & Zeilenabstand
Förderbedingungen:
-> frühzeitige Förderung (ab 1. Klasse) einzeln oder in Kleingruppen (max. 5 Kinder)
-> Berücksichtigung von Komorbiditäten & Schweregrad
-> professionelle Durchführung (Therapeut:innen, Lehrkräfte)
-> ausreichende Dauer der Intervention
Elternrolle:
-> emotionale Unterstützung & Anerkennung des Kindes
-> Entlastung der Familie nach Diagnosestellung
-> ergänzende häusliche Förderung in Abstimmung mit Fachpersonen
Schule:
-> wichtige Rolle in Diagnostik, Förderung & Beratung
-> unterschiedliche Umsetzung in Bundesländern
-> Nachteilsausgleich (Notenschutz, längere Bearbeitungszeiten, Computernutzung)
-> Ziel: emotionale Entlastung & Prävention psychischer Folgeprobleme
was ist die Dyskalkulie & welche Ursachen hat sie?
Störung des Rechnens bzw. mathematischen Denkens
-> Entwicklungsdyskalkulie: im Kindesalter erworben
-> Akalkulie: im Erwachsenenalter erworben (nach Hirnschädigung)
Ursachen:
1.) genetische Faktoren:
-> Geschwister: 5–10× höheres Risiko
-> eineiige Zwillinge: bis zu 12× höheres Risiko
2.) neurobiologische Faktoren:
-> Anomalien in neuronalen Netzwerken für Rechenprozesse
-> Defizite in verschiedenen kognitiven Funktionen:
3.) kognitive Einflüsse:
-> Beeinträchtigung von Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeitssteuerung,
Verarbeitungsgeschwindigkeit, sequenzieller Reizverarbeitung
-> Folge: Probleme, Rechenoperationen korrekt & effizient auszuführen
wie kann Dyskalkulie gefördert werden?
symptomorientiertes Vorgehen
-> an diagnostisch ermittelten mathematischen Defiziten ansetzen
-> gezieltes Training betroffener Rechenfertigkeiten
-> keine einheitlichen, störungsspezifischen Erlasse
-> Nachteilsausgleich, Notenschutz
-> Abwägen & Behandlung von Komorbiditäten
Beteiligte Akteure:
1.) Eltern: Verständnis & Unterstützung
2.) Schulen: enge Zusammenarbeit mit Eltern & Therapeuten
welche Studie konnte Erkenntnisse zur Mediennutzung bei Kindern liefern?
Kinder Medien Monitor Studie 2023
-> Zielgruppe: Kinder zwischen 6–13 Jahren
-> YouTube: 63 % nutzen es mehrmals pro Woche
-> TikTok: von 26 % (2021) auf 42 % (2023) (durch Corona-Lockdowns)
-> 44 % der Kinder ohne elterliche Kontrolle im Internet unterwegs
Wahrnehmung durch Eltern:
-> Lernpotenzial von YouTube: Rückgang von 39 % (2021) auf 35 % (2023)
-> Lernpotenzial sozialer Netzwerke: Rückgang von 24 % (2021) auf 14 % (2023)
Ergebnisse:
-> Bewegtbildformate als zentrale Freizeit- und Unterhaltungsmedien
-> Kinder nutzen digitale Plattformen zunehmend eigenständig
-> soziale Medien als fester Bestandteil des Kinderalltags
-> Risiken: nachlassende Fertigkeiten, soziale Nachteile
-> notwendig: kritische Begleitung durch Eltern & Schulen, Förderung von
Medienkompetenz, Entwicklung von Bildungsprogrammen für kindgerechte
Mediennutzung
wie werden Medien aus entwicklungspsychologischer Perspektive gesehen?
Medienkompetenz nicht angeboren
-> Medienkonsum muss durch Eltern als Vorbilder angeleitet werden
-> Überforderung durch übermäßiges Angebot verhindern
-> Prozess des Verstehens, Bewertens & Einordnens von Medieninhalten fördern
-> relevante von irrelevanten Infos unterscheiden
-> Intention der Medien bedenken
welche Auswirkungen haben Medien auf die Psyche?
heutzutage: Medienkindheit
-> Medien als ständige Begleiter in Entwicklung von Kindern
-> miniKIM-Studie: tägliche Interaktion mit Medien bei Kindern von 2-5 Jahren
negative Auswirkungen durch Bildschirmzeit:
1.) vor Schlafengehen: schweres Einschlafen, unruhiger Schlaf
-> Einfluss auf Tagesmüdigkeit, Aufmerksamkeit & Leistungsfähigkeit
-> Gereiztheit, schlechte schulische Leistungen
2.) Nachteile bei sozialen & emotionalen Entwicklungsaspekten
-> höheres Risiko für Fettleibigkeit (negatives Selbstbild, psychische Probleme)
3.) erhöhtes Risiko für psychische Belastungen
-> vermehrtes Auftreten von Depressionen, Angstzuständen & Einsamkeitsgefühlen
-> Emotionsregulation & Aufbau sozialer Beziehungen eingeschränkt
-> Abstumpfung ggü. Gefühlswelt anderer
-> ständiger Vergleich mit Einfluss auf Selbstwertgefühl & Lebenszufriedenheit
was ist eine Gaming Disorder?
suchtartiges Spielen von Videospielen
-> Abhängigkeit von spezifischen Internetaktivitäten
-> Folge: Einschränkungen im Alltag, Leistungsdruck
-> subjektive Leidenswahrnehmung tritt erst sehr spät ein
Kriterien nach WHO:
1.) unwiderstehliches Verlangen (Craving)
2.) Verlust von Kontrolle hinsichtlich Beginn & Ende der Nutzung
3.) Entzugserscheinungen bei Nicht-Nutzung
4.) Toleranzsteigerung
5.) Vernachlässigung anderer Interessen & Verantwortlichkeiten
6.) Fortführen der Nutzung trotz negativer Auswirkungen
wie wird die Medienkompetenz aus entwicklungspsychologischer Sicht entwickelt?
bis Schulzeit: Fokus auf mediale Zeichenkompetenz
-> Verständnis, dass Medien etwas anderes repräsentieren
-> Grundlage für Verständnis anderer Zeichensysteme
-> Kinder mit hoher Zeichenkompetenz nutzen Lernmedien effektiver
-> fördert Unterscheidungsfähigkeit zwischen Programmformaten
-> fördert Differenzierung zwischen Realität & Fiktion
Entwicklungsverlauf:
1.) Säuglinge: erkennen Ähnlichkeit, verstehen aber Zeichenfunktion noch nicht
2.) ab 1,5 Jahren: erkennen ZH zwischen Abbild & Benennung durch Erwachsene
3.) 4–5 Jahre als sehr sensibler Zeitraum
-> starke Effekte auf phonologische Bewusstheit & mathematische Kompetenzen
Wirkung von Medien ist altersabhängig:
-> < 2 Jahre: audiovisuelle Medien ungeeignet (Lernen durch Imitation)
-> 5 Jahre: audiovisuelle Medien fördern Verständnis von Geschichten/Sachtexten
-> später: auditive Medien & Schrift oft überlegen