Die Gesamtheit der sittlichen Normen, Werte und Grundsätze, die das zwischenmenschliche Verhalten einer menschlichen Gesellschaft regulieren und von ihrem überwiegenden Teil als verbindlich akzeptiert oder immerhin hingenommen werden.
→ moralisches Verhalten abhängig von Kultur, Kontext und historischem Zeitalter → Widersprüche können auftreten → Handeln kann motiviert werden → als geltend anerkannte Normen = Moral einer Person
Zwei Dimensionen: 1. Kognitiv (Was ist richtig?): Wissen/Überzeugung zu Inhalt und Geltungsbereich von Moral 2. Motivational (Warum soll man tun, was richtig ist?): Intensität moralischer Motivation und ihre Struktur (Was sind meine Motive?)
Ursprünge von Moral
Universalisierbarkeit ▪ Moralische Grundsätze, die das Zusammenleben in sozialen Systemen ermöglichen ▪ Kants kategorischer Imperativ: „Handle stets so, dass du wollen kannst, dass die Maxime deines Tuns allgemeines Gesetz wird“ Traditionelle oder autoritative Normsetzung ▪ Gebote und Verbote durch Autoritäten (geben Mitgliedern der Eigengruppe einen Vorrang ) Diskursethik ▪ In idealen Diskursen mit gleichberechtigten Betroffenen wird das ethisch Gute und Richtige durch Argumentation, Wissensaustausch und Perspektivübernahme erkannt (konsensbasiert) Gesellschaftsvertragliche Konzeption ▪ Ausgehandelt und vertraglich vereinbart, im Interesse aller Gesellschaftliche/private Verträge ▪ Aushandlung von Verträgen im privaten Umfeld
Moralische Normen (Geltung aufgrund nichtvereinbarer Rechte) vs. Konventionsnormen (durch Übereinkunft änderbar)
Indikatoren der Moral
▪ Wissen über geltende Normen → Aber: garantiert nicht deren Anerkennung ▪ Urteile über das, was moralisch geboten ist → Aber: Urteil und Handlungsmotivation können stark auseinandergehen ▪ Normentsprechendes bzw. -abweichendes Verhalten → Aber: ist Norm ausschlaggebend für Verhalten oder andere Motive? (z.B. Selbstdarstellung, persönliche Vorteile usw.) → Normabweichendes Verhalten kann u.U. gerechtfertigt sein oder auch Schuldgefühle auslösen → in dem Fall wurde Norm offenbar doch akzeptiert bzw. anerkannt ▪ Moralische Gefühle (Befriedigung bzw. Schuld) → Aber: oft schwierig, deren Echtheit zu beurteilen
Ein Indikator allein ist nie eindeutig und daher nicht ausreichend. Ob Verhalten wirklich als moralisch zu bezeichnen ist, ist letztlich auf Grundlage des Motivs zu beurteilen.
Wie werden Normen internalisiert?
Basis: Wissen vermitteln → Kenntnis über Normen anhand konkreter Beispiele Unterschiedliche Wege der Normvermittlung: - Konditionierung - Identifikation und Beobachtung - familiäre Sozialisation - Gleichaltrigengruppe (Peers)
Moralentwicklung nach Piaget Moralstudien (1932)
Stadium der Heteronomie Stadium der Autonomie
Stadium der Heteronomie ▪ Wortlaut der Regeln und Gebote ist zentral ▪ Jüngere Kinder fordern oft unverhältnismäßige Strafen für Regelübertretungen ▪ Handlungsfolgen sind für die moralische Qualität einer Handlung entscheidend (nicht die Absicht)
Stadium der Autonomie ▪ Inhalt der Regeln/Gebote im Vordergrund (v.a. hinsichtlich Aufrechterhaltung sozialen Zusammenlebens) ▪ Strafmaßnahmen ziehen auf Art des Vergehens ab ▪ Kinder berücksichtigen bei moralischen Entscheidungen die Absicht der handelnden Person
Moralentwicklung nach Piaget Experiment von Weiner & Peters (1973):
▪ Verirrter Junge fragt älteren Jungen nach dem Weg nach Hause, damit er rechtzeitig zum Essen kommt ▪ Geschichten mit folgenden Variationen: - Wissen: älterer Junge kennt den richtigen Weg vs. nicht - Intention/Absicht: älterer Junge ist bereit, dem Verirrten zu helfen vs. nicht - Ausgang: Verirrter kommt rechtzeitig nach Hause vs. nicht ▪ Kinder und Jugendliche (4-18 Jahre) sollten durch Punkte 0-5 Ausmaß von Belohnung oder Bestrafung des älteren Jungen anzeigen ▪ Nur wenige Vorschulkinder nutzen beide Informationen zur Urteilsfindung, können aber durch Beobachten von Modellen, die mehr Gewicht auf Intentionen legen, Gewichtung ändern ▪ Aber: schon bei Kindergartenkindern basiert moralisches Urteil auf Intentionen, wenn kein Ausgang berichtet wird
▪ Stufenmodell mit serieller Stufenabfolge ▪ Untersuchungsmethode: Moralische Dilemmata → Zwangslage, in der man zwischen suboptimalen Möglichkeiten entscheiden muss
Beispiel: Heinz‘ Dilemma ▪ Ziel: Herausfinden des höchstmöglichen Argumentationsniveaus der Befragten → Fokus auf Komplexität der Begründung (nicht auf Richtung der inhaltlichen Entscheidung)
Vorkonventionelles Niveau (bis ca. 10-11 Jahre)
Konventionelles Niveau (Pubertät/Erwachsene)
Postkonventionelles Niveau (nur selten erreicht)
Ziel moralischer Sozialisation = kompetentes Urteilen in verschiedenen Kontexten
▪ Ursprünglich 3 Niveaus mit jeweils zwei Stufen → Seitdem verschiedene Modifikationsvorschläge → Stufen müssen nicht zwangsläufig strikt seriell durchlaufen werden, 3. Niveau nicht in allen Stichproben → Stufe, auf deren Grundlage argumentiert wird, kann von System/Kontext, Dilemma und Kultur abhängen
Piaget vs. Kohlberg
Gemeinsamkeiten ▪ Annahme universeller Moralentwicklung und invarianter Stadien- bzw. Stufenfolge ▪ Bei der Entwicklung im moralischen Denken ist die zunehmende Fähigkeit zur Perspektivübernahme wichtig
Unterschiede ▪ Methodisches Vorgehen und Fokus: Urteile (Piaget) vs. Urteilsbegründung (Kohlberg) ▪ Moralentwicklung als Prozess in der Kindheit (Piaget) vs. als lebenslanger Prozess (Kohlberg) ▪ Gleiches Stadium bei allen (Piaget) vs. unterschiedliche Stufen als Produkt der Moralentwicklung (Kohlberg)
▪ Erhebung begründeter Emotionszuschreibungen von Kindern im Altern von 4, 6 und 8 Jahren ▪ Präsentation von Bildgeschichten, in denen Geschichtenheld sich in einem moralischen Konflikt befindet: Versuchung, einfache moralische Normen zu übertreten, um eigene Bedürfnisse zu befriedigen - Süßigkeiten eines anderen Kindes entwenden - das eigene Getränk nicht mit einem durstigen anderen Kind teilen - einen zu Unrecht erhaltenen Preis nicht mit dem benachteiligten Kind teilen ▪ Frage: Wie fühlt sich der Protagonist? Warum? → Emotionszuschreibung zeigt, ob Kinder Normüberschreitung oder Befriedigung von Interessen mehr Bedeutung beimessen ▪ Im 4.-5. Lebensjahr kennen fast alle Kinder die Regeln → keine Entwicklung mehr ▪ Aber: moralische Motivation, die Regeln einzuhalten, entwickelt sich noch ▪ Bis 10-11 Jahren hat etwa 1/3 der Kinder moralische Motivation verlässlich aufgebaut (Zuschreibung von Schuldgefühlen als Indikator) ▪ Moralische Entwicklung als zweistufiger Lernprozess: 1) kognitive Dimension/Wissen 2) moralische Motivation
Weibliche vs. männliche Moral?
▪ Gilligan (1984): Unterscheidung einer an Gerechtigkeit orientierten männlichen Moral (Stufe 4) von einer an Fürsorge orientierten weiblichen Moral (Stufe 3) → Da Kohlbergs Stufenmodell eher an der männlichen Moral orientiert ist, schneiden Frauen (nach Gilligan) hier schlechter ab ▪ Aber: Weder die Einteilung in weiblicher vs. männlicher Moral noch differentielle Ergebnisse von Männern und Frauen nach dem Kohlberg-Modell wurden empirisch bestätigt ▪ vielmehr zeigen vielfache empirische Studien an, dass es keine nennenswerten Unterschiede in der Moralentwicklung zwischen Männern und Frauen gibt → Orientierung ist eher abhängig von bspw. Dilemma-Inhalt, Rolle und Kultur
Wie kann die Moralentwicklung begünstigt werden?
▪ Entwicklung von Moral v.a. durch aktive Auseinandersetzung mit moralischen Problemen und Dilemmata → Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Meinungen/Argumenten ▪ Aufbau von Kompetenzen zum Durchdenken moralischer Probleme ▪ Förderkurse sollten sich über langen Zeitraum und inhaltlich über viele Problemstellungen hinweg erstrecken ▪ Meinungsstreit zwischen Peers → Einsicht in Rechte und Pflichten von immer mehr Betroffenen (Perspektivenübernahme)