„Sozialistische Rehabilitation ist eine interdisziplinäre kollektive Tätigkeit, besonders in medizinischer, pädagogischer und sozialer Hinsicht, mit dem Ziel, geschädigte Menschen zur aktiven Teilnahme am produktiven, politischen, kulturellen und familiären Leben in der sozialistischen Gesellschaft zu befähigen, einmal entwickelte Fähigkeiten dieser Art zu erhalten oder verloren gegangene wiederzugewinnen.“
▮ Es gab einen rechtlichen Rahmen, mit dem Rechte auf Bildung und Arbeit festgeschrieben wurden. ▮ Der Behinderungsbegriff bleibt ein klares physisch-psychisches Schädigungskonstrukt. Kinder wurden durch eine Kommission einer medizinisch orientierten Diagnostik unterzogen und hoheitlich mit wenig Durchlässigkeit ausgesondert.
Akad. Professionalisierung in der DDR
Sonderpädagogische Studiengänge wurden 1947 in Berlin und 1949 in Halle eingeführt. (Ellger-Rüttgardt, 2008, S. 312) ▮ Es war ein Aufbaustudium im Anschluss an die reguläre Ausbildung zur Lehrkraft. Regel- und Sonderschul-lehrkräfte wurden gleichgestellt. In der DDR gab es folgende Sonderschulformen: ▮ Mindersinnige, Sinnesschwache, Sprachgestörte, körperlich Gebrechliche, Schwachsinnige, Schwererziehbare. ▮ Drei Formen der Oligophrenie (Geistige Behinderung) wurden unterschieden: „Debilität“ (Hilfsschulprognose), „Imbezillität“ (nicht schulbildungsfähig, jedoch lebenspraktisch förderungsfähig), „Idiotie“ (nicht förderungsfähig). ▮ 1969 wurden die Bildungsbemühungen für sogenannte „Schwerschwachsinnige“ eingestellt.
Frühe Sonderpädagogik in der BRD
Eine Entnazifizierung blieb weitgehend aus. Altbekannte forderten eine Neuordnung der Sonderschulen: ▮ Sprachliche Neufindung: Hilfsschulen wurden zu Sonderschulen, Schwachsinnige zu Lernbehinderten, der „Verband der Hilfsschullehrer“ zum „Verband Deutscher Sonderschulen“. ▮ Mit einer „Denkschrift“ wurden unabhängige, voll ausgebaute und vor allem in eigenen Gebäuden untergebrachte Sonderschulen gefordert. Dies wurde durch die Behauptung untermauert, dass das Lernen dieser Kinder in der Volksschule - selbst in separaten Klassen - dem Wohl der Kinder zuwiderlaufe. (Ellger-Rüttgardt, 2008, S. 301) ▮ In allen Bundesländern wurde die Schulpflicht eingeführt. Kinder mit Geistiger Behinderung blieben jedoch bis in die 1970er-Jahre „befreit“.
Akad. Professionalisierung in der BRD
Marburg wurde 1955 die erste Studienstätte für Sonderpädagogik. 1956 folgte das „Heilpädagogische Institut Köln“. (Ellger-Rüttgart, 2008, S. 313) ▮ Die Akademisierung schuf ein neues Paradigma: Behinderte Kinder sollen nicht nur verwahrt und „beschult“ werden, sie sollen sich als Persönlichkeit entfalten. ▮ Schule soll Kinder unabhängig machen, die spätere berufliche Teilhabe anbahnen und zum selbstständigen Leben befähigen.
1960 werden folgende Sonderschultypen benannt: ▮ Blinden-, Sehbehinderten-, Gehörlosen- und Schwerhörigenschule, Hilfs-, Erziehungsschwierigen- und Beobachtungsschule, Sprachheil- und Körperbehindertenschule, Krankenschule und Hausunterricht sowie Gefängnisschule, Sonderberufsschule…
Die moderne Behindertenhilfe
Die mediale Präsenz von Behinderung sorgte für Unruhe: ▮ Der Contergan-Skandal erschüttert Deutschland: 1964 wird die Lotterie „Aktion Sorgenkind“ (seit 2000 „Aktion Mensch“) vom ZDF, „authentische“ Bilder behinderter Kinder eingerichtet. ▮ 1973 wird in Niederösterreich eine ähnliche Initiative mit vergleichbarer Strahlkraft gegründet: „Licht ins Dunkel“.
Das öffentliche Bewusstsein verändert sich: ▮ Diversen Emanzipationsbestrebungen der 1960er inspirierten auch behinderte Menschen und deren Umfeld. ▮ 1974 wurde mit dem Schwerbehindertengesetz der Arbeitsmarkt für behinderte Menschen geöffnet.
Der Blick in die „Anstalten“ erschütterte. Forderungen nach Deinstitutionalisierung und Enthospitalisierung entstehen.
Elternbewegung und Lebenshilfe
1958 wurde in Marburg die „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind“ („Lebenshilfe“) gegründet. ▮ Sie strebt bis heute nach einer regionalen und effektiven Förderung ohne Trennung von der Familie. ▮ Sie ist Herzstück und Platzhirsch der Elternbewegung und prägt wesentlich das politische Verständnis von Inklusion. ▮ Kritisch bemerkt sei, dass sie bis in die 1980er engagiert die Sterilisation behinderter Mädchen propagierte. Die lag u.a. an den Gründungsmitgliedern W. Villinger und H. Stutte.
„In ihrer Hilflosigkeit und Verlassenheit haben diese Kinder mir ermöglicht, den wirklichen Sinn des Lebens zu erkennen, und zwar in der Hinwendung zum Nächsten.“ (Tom Mutters)
Normalisierungsprinzip
In Skandinavien entstand in den 1950ern das Normalisierungsprinzip. (Schomaker & Ricking, 2012, S. 114f) ▮ Es war eine Emanzipationsbewegung und der erster systematische Integrationsansatz, der auch für die Elternbewegung anschlussfähig war. ▮ Niels Bank-Mikkelsen und Bengt Nirje gelten als Begründer. Wolf Wolfensberger verbreitete den Ansatz in Nordamerika und Walter Thimm in Deutschland. ▮ Es geht um ein möglichst „normales“ Leben mit einer Orientierung am unmittelbaren Wohnort bei einem Höchstmaß an Partizipation. ▮ Bis heute ist Normalisierung das dominierende Prinzip der Behindertenhilfe und Fürsorge.
Normales Leben (Schomaker & Ricking, 2012, S. 114f)
Folgende Prinzipien sind wesentlich: ▮ Normaler Tages-, Wochen- und Jahresrhythmus, Trennung von Arbeit-Freizeit-Wohnen, Normale Erfahrungen im Lebenszyklus, Respekt und Selbstbestimmung, sexuelle Selbstbestimmung, Normale ökonomische und soziale Lebensmuster. ▮ Wolfensberger entwickelte das PASS-Konzept und schließlich das erweiterte PASSING Konzept zur Evaluation des Normalisierungsgrads.
Kritik an der Normalisierung
Was genau ist ein normales Leben? ▮ Deskriptiv: Die am häufigsten praktizierten Handlungsmuster? ▮ Normativ: Die konsensfähigen gesellschaftlichen Vorstellungen zu einem „normalen“ Leben?
Wer hat eigentlich das Recht und die Weisheit, diese Prinzipien des „normalen“ Lebens zu formulieren? ▮ Wer will eigentlich ein normales Leben? Wäre nicht ein „besonderes“ oder ein „gutes“ Leben sinnvoller?
Risse in der Segregation (1970ern)
Die Elternbewegung fordert medial wirksam das Recht auf schulische Integration ihrer Kinder ein. ▮ Insbesondere in Österreich etablierte sich eine frühe und nachhaltige „Integrationsbewegung“. ▮ Der Deutsche Bildungsrat postuliert eine integrative Gesamtschule, hält aber am segregativen Schulsystem fest. ▮ Die vorschulische Integration etabliert sich. 1975 startet die erste staatliche integrative Grundschule als Schulversuch in Berlin (Fläming Grundschule).
„Meine Tochter ist das lebende Beispiel dafür. Es war ein permanenter Kampf mit der damaligen Schule, den wir gewonnen haben. Man hat immer gesagt, beides geht nicht – und natürlich ging beides!“ (Maria Rauch-Kallat zitiert in Capovilla, 2023)
Inklusive Paukenschläge
1994 formulierte eine Kommission ein radikales Konzept zum gemeinsamen Unterricht (Salamanca Erklärung). ▮ „Special needs” und “mainstreaming” (USA) sowie “integration” (UK, Australien) werden zur globalen Idee „inclusion“. ▮ 2006 folgte die UN-BRK und postuliert „education for all“ in einem Allgemeinen Bildungssystem auf allen Ebenen für alle. ▮ 2011 erklärt die KMK in ihrem Beschluss den gemeinsamen Unterricht zum primären Ziel.
“States Parties recognize the right of persons with disabilities to education. With a view to realizing this right without discrimination and on the basis of equal opportunity, States Parties shall ensure an inclusive education system at all levels and lifelong learning [...]”.